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Auf den Plakaten zur Lesung stand Rita Falks Name vor Jussi Adler-Olsens, am Abend stahl der Däne der Provinzkrimiautorin aber die Show.

Krimifestival München 

Vom Sauerkrautkoma zur Europa-Kritik

München - „Rita Falk meets Jussi Adler-Olsen“: Die beiden Autoren lasen im ausverkauften Circus Krone – allerdings nacheinander.

Es war ein ungewöhnliches Spektakel im ausverkauften Münchner Circus Krone: „Rita Falk meets Jussi Adler-Olsen“, die bayerische Provinzkrimiautorin trifft den dänischen Bestsellerautor, Wachtmeister Franz Eberhofer von der Polizei Niederkaltenkirchen begegnet Carl Mørck und dem Kopenhagener Sonderdezernat Q. Oder auch nicht. Denn die beiden Krimi-Stars traten nacheinander auf, präsentierten nacheinander „Sauerkrautkoma“ und „Erwartung – Der Marco Effekt“.

So also gab es vier Stunden Schauspiel, Spaß und Spannung pur im Rahmen des Krimifestivals München. Rita Falks Eberhofer ist derb, grob, gemütlich und zumindest in dieser Hinsicht hat er sich auch in seinem fünften Fall nicht geändert – auch wenn der Kommissar aus dem fiktiven Dorf in die große, böse Millionenmetropole München versetzt wird. Viel Neues also hatte Rita Falk zu erklären, doch irgendwie stahl ihr Vorleser ihr die Show. Das allerdings war abzusehen. Schauspieler und Hörbuchsprecher Christian Tramitz lebt und liebt den Grantler, den genervten, den dauergestressten Eberhofer gleichermaßen. Ein großartiger Spaß mit Galgenhumor – auch wenn die Schimpf-Attacken und Flüche von Falks Kommissar von Band zu Band gefühlt unterirdischer ausfallen.

Dann, zwei Stunden später, das Kontrastprogramm: Der extra eingeflogene Star lief locker, leicht und mit Siegerpose auf die Bühne. Zu allen Schandtaten bereit schien Jussi Adler-Olsen, auch wenn auf jedem Plakat Falks Name als erster stand, wie er ironisch bemerkte. Und auch, wenn bei Falk mehr gelacht wurde, wie er mit gespielter Traurigkeit feststellte. Als Schelm also präsentierte sich der Bestsellerautor, und so erzählte er viel und gerne. Über seine Erlebnisse bei der Recherche im Dschungel Kameruns, über haarlose Monsterspinnen in seinem Gesicht und über beleidigte Freunde, die unbedingt in Carl Mørcks fünftem Fall verewigt werden wollten. Prompt hat Mørck einen neuen Ermittler an seiner Seite. Seiner Hassliebe zu den Norwegern ließ der Däne ebenso freien Lauf, wie er frech feststellte: „Dänisch ist das echte Deutsch, das Original.“ Er selbst sprach nur englisch, auch wenn er Moderatorin Margarete von Schwarzkopf bestens verstand und dem schimpfenden Vorleser Peter Lohmeyer („So kann ich nicht arbeiten“) freundschaftlich den Rücken tätschelte. Letzterer beschränkte sich aufs Lesen, Vortragen, Vorspielen.

Meist nachtschwarz, ernst und bitter präsentierten sich die einzelnen Szenen den Zuhörern. Kein Wunder, denn bei all dem Spaß und der an diesem Abend vorherrschenden Euphorie übt Jussi Adler-Olsen in seinem neuen Werk Kritik am dänischen Staat und an Europa. Er handelt die Bankenkrise ebenso wie die Roma- und Sintiprobleme in Kopenhagen ab, außerdem befasst sich ein Erzählstrang mit der Korruption in Bezug auf Spenden. Dann herrschte Ruhe im Saal, dann war der Schalk verschwunden – und die lautlos gestellten Fragen waberten durch den Raum: Wie ist das hier in München? In Deutschland? Wie gehen wir mit diesen Themen um?

An diesem Abend gab es für das Publikum aber deutlich Wichtigeres, als Adler-Olsens Anekdoten und dem Vorleser zu lauschen. Schon vor dem Ende der Show leerten sich die Stuhl- und Bankreihen. In Reih und Glied anstehen für ein Autogramm war angesagt, dann nämlich sah man beide Krimi-Stars auch endlich mal zusammen.

Rita Falk:

„Sauerkrautkoma“. Deutscher Taschenbuch Verlag, 272 Seiten; 14,90 Euro.

Jussi Adler-Olsen:

„Erwartung – Der Marco Effekt“. Deutscher Taschenbuch Verlag, 576 Seiten; 19,90 Euro.

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