"Es ist sauschwer"

- Keiner hat die Neoklassik George Balanchines so heutig fortgeschrieben wie William Forsythe. Kein anderer Ballettchef hat sich in Folge so radikal dem freien Tanz, überhaupt allen zeitgenössischen Künsten und Denk-Experimenten geöffnet wie er. Nach 20 Jahren Direktion des Ballett Frankfurt geht es weiter ab Januar 2005 mit der neu formierten "The Forsythe Company". Und weiterhin sind auch seine Choreographien weltweit begehrt.

Aber nur Top-Compagnien sind dafür fit. Großer Vertrauensbeweis, dass Forsythe dem Bayerischen Staatsballett nun mit "Limb's Theorem" ("Lehrsatz des Körpergliedes") von 1990 zur elektronischen Musik von Hauskomponist Thom Willems eines seiner schwierigsten Stücke überlässt. Premiere ist heute, 19.30 Uhr, im Münchner Nationaltheater.<BR><BR>Ein bisschen sind die Münchner Tänzer schon auf den akrobatisch-virtuosen Forsythe-Stil eingestimmt. Seit 1998/99 tanzen sie sein "Artifact II" (1984) und "The Second Detail" (1991). Aber Forsythe gibt doch zu Bedenken: ",Limb's Theorem ist nochmal ganz anders. Ich habe viel darin ausprobiert, Ideen, Kernideen, die spätere Stücke prägen würden. Es ist eine komplette neue Körpertechnik drin. Die Timings und Musikalitäten sind sauschwer. Und es ist voll komplizierter Improvisationen. Es dauert ein paar Monate, bis die Tänzer das wirklich in ihrem Körper haben. Aber das kommt. Sie brauchen einfach den richtigen Input. Meine vier Ballettmeister haben unheimlich lang und intensiv gearbeitet."<BR><BR>Jeder dieser vier ehemaligen Forsythe-Tänzer hat hier den Teil einstudiert, den er früher getanzt hat, also bestens kennt, erfährt man von Ballettmeisterin Ana Catalin Roman, die hinzufügt: "Wir haben auch schon gleich letzten Juli Workshops mit den Tänzern gemacht, damit alle ein Gefühl fürs Improvisieren kriegen. Trotzdem ist Forsythe selbst noch gekommen, "um einfach nochmal anders über die Dinge zu reden. Ich arbeite noch ein bisschen mehr philosophisch."<BR><BR>Um immer wieder neu erschaffen zu können, nähert sich Forsythe dem Tanz aus stets neuem Blickwinkel. Eine Zeit lang war seine Aufmerksamkeit verstärkt auf die choreographische Struktur gerichtet. Letzthin scheint ihn vor allem ein hochtrainiertes Körperbewusstsein - eine "Körperinnenwahrnehmung" - zu interessieren. In dem von Gerald Sigmund herausgegebenen "William Forsythe - Denken in Bewegung" (Henschel Verlag, Berlin) sagt Dana Caspersen, exquisite und hochintelligente Tänzerin: "Diese Fähigkeit des Körpers, ein inneres Bild von sich zu schaffen, ermöglicht ihm auch, sich an eine Stelle zu projizieren, an der er sich gar nicht befindet." Forsythe, sofort auf dieses Caspersen-Zitat reagierend: "Ich habe versucht, den Tänzern hier das zu erklären. Und ich glaube, sie haben's verstanden. Ihre Aufgabe ist es zu sehen - ihren eigenen Körper zu sehen, die ganze Zeit während sie sich bewegen. Und diese Erfahrung des körperlichen Sehens ist ihr Wissen. Sie sind ja wirklich die einzige Art von Künstlern, die mit ihrem Körper sehen."<BR><BR>"Limb's theorem" gehört noch zu Forsythes gemäßigt revolutionären Arbeiten. Sein ursprünglich auch einmal neoklassisches Bewegungs-Vokabular ist im Laufe der letzten 15 Jahre in eine Unkenntlichkeit zersplittert. Wie weit kann man mit der Dekonstruktion gehen, ohne schließlich in einem Scherbenhaufen zu landen? Forsythe wehrt ab: ",Deconstruction ist keine konkrete Sache, ist nicht fest, nicht greifbar. Es ist ein grammatischer Zustand, ein Umgang mit Sprache. So wie ich den Tänzern etwas beschreibe, darin liegt die Dekonstruktion. Nicht die Schritte verändere ich, sondern das, was die Tänzer in ihren Köpfen haben, wie sie mit sich selbst sprechen, während sie tanzen, das versuche ich zu ändern." Somit ist Forsythe wohl der erste "Ballett-Choreograph", der die Einsichten von Sprach- und Kulturphilosophen wie Jacques Derrida auf den Tänzer und sein Tun anwendet.<BR><BR>Und was heckt er als nächstes aus mit seiner "Forsythe Company"? Übrigens sehr zufrieden mit der neuen Konstruktion - getragen von Hessen und Sachsen, den Städten Frankfurt und Dresden -, verrät Forsythe: "Ein neues Projekt, das im April herauskommt (im Frankfurter Bockenheimer Depot und Festspielhaus Hellerau) . . . fürs Publikum hoffentlich eine echte Mitmachmöglichkeit: Es gibt Anweisungen von uns für die Zuschauer und umgekehrt. Ich habe einen Vorlauf in Paris gemacht, auf der Straße, also einfach für jedermann. Ich bin neugierig, wie es in einer Vorstellung funktioniert." <BR><BR><BR>

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