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In München zuhause, im Jazz verwurzelt und für andere Stilrichtungen offen: Carolyn Breuer lässt sich nicht in Schubladen zwängen. Am Sonntag stellt sie ihr neues Album im Ampere vor.

Jazz-Saxofonistin Carolyn Breuer

„Ich war die mit den zerrissenen Jeans“

München - Carolyn Breuer wandelt auf neuen Pfaden. Auf ihrer aktuellen CD, die sie an diesem Wochenende vorstellt, vereint die Münchner Saxofonistin mit einer außergewöhnlichen Besetzung Jazz, Blues und Folk zu einem ganz eigenen Stil.

Im Interview spricht die 45-Jährige über Kindheits-Erinnerungen, musikalisches Schubladendenken und die Zukunft des Jazz.

Ihr neues Album heißt „Shoot the Piano Player“. Haben Sie etwas gegen Pianisten?

Nein, natürlich nicht. Aber ich habe relativ spät die akustische Gitarre entdeckt. Der Klang inspiriert mich zu ganz anderen, neuen Stücken. Ich habe zum ersten Mal Lust bekommen, Songs von anderen Leuten zu covern. Zum Beispiel Pop-Rock-Songs von Joni Mitchell und Jimi Hendrix. Das würde ich mit einem Piano nicht machen.

Die Besetzung vereint Jazz, Blues und Folk. Wo stehen Sie?

Ich komme wie Schlagzeuger Shinya Fukumori wirklich vom Jazz. Lead-Gitarrist Peter Schneider kommt komplett aus dem Blues, Bassist Uli Lehmann auch. Und der zweite Gitarrist Christian Sudendorf bringt den Folk rein. Ich habe herausgefunden, dass es so eine Besetzung noch nirgends gibt. Dass sich Jazzmusiker mit Rock- und Bluesmusikern hinsetzen, ist ganz selten. Wir bleiben alle immer in unserer Szene.

Warum eigentlich?

Ich denke, es ist ein menschliches Phänomen. Man ist ein Gewohnheitstier und weiß: Der spielt so, das kenne ich, so möchte ich’s haben. Wenn man dagegen mit Leuten spielt, die in anderen Ecken zuhause sind, ist es am Anfang ungewohnt. Da tauchen erstmal tausend Fragezeichen auf: Mag ich das? Kann ich damit umgehen? Ich war zunächst auch zwiegespalten. Aber ich habe extra den schwierigeren Weg gewählt.

Um wen geht es im zweiten Titel auf der CD, „Mimo is back?“

Mimo hat mich meine Mutter als Kind genannt. Das Stück habe ich im Sommer 2003 geschrieben, als ich nach 15 Jahren aus Amsterdam zurückkam. Ich bin am Kleinhesseloher See vorbeigeradelt, wo ich meine Kindheit verbracht habe, und ich habe gedacht: Jetzt bin ich wieder da, und jetzt darf ich wieder Kind sein.

Gehört Jimi Hendrix, von dem Sie ein Stück spielen, auch zur Kindheit?

Ja. Der hing bei uns riesengroß an der Wand. Ich bin ein Kind der Siebzigerjahre. Ich war im ersten antiautoritären Kindergarten in München. Ich war das Kind, das mit der Rotzglocke und der zerrissenen Jeans rumgelaufen ist, und langsam fange ich an, dazu zu stehen.

Was hat es mit dem „Ramtown Blues“ auf sich?

Der Ramersdorf Blues. Da habe ich meinem Vater (dem Jazzposaunisten Hermann Breuer; Anm. d. Red.) gesagt, ich möchte einen ganz traditionellen Blues spielen. So richtig mississippimäßig, wie in den Dreißigerjahren. Ich geb’ dann oft meinem Papa so einen Auftrag. (Lacht.) Ihm macht es Spaß, und es kommt immer was Gutes raus.

Schon lange werden Sie nicht mehr als „Tochter von“ angekündigt. Wie war das am Anfang?

Das hat mich schon unter Druck gesetzt. Ich hatte das Gefühl, ich müsste besser sein als die anderen. Vielleicht war das auch der Grund, warum ich dann in Holland studiert habe.

Ist es riskant, eine Platte zu machen, die stilistisch in keine Schublade passt?

Leider ja. Rein marketing-strategisch war das wahrscheinlich nicht gut. Mein Vater hat auch gesagt, da sitzt du wieder genau dazwischen. Mich würde freuen, wenn ich ein neues Publikum erreichen könnte.

Wie ist es um die Zukunft des Jazz bestellt?

Es entwickeln sich sehr viele neue Musiker, aber es entsteht kein neues junges Publikum. In den Konzerten sitzen vor allem Leute, die schon weit in der Rente sind.

Was müsste geschehen?

(Denkt nach.) Der Jazz müsste im Fernsehen und Radio mehr Platz bekommen und so präsentiert werden, dass das junge Leute eben auch cool finden und Spaß daran haben.

 Sind Frauen heute im Jazz etwas Selbstverständliches?

Es werden immer mehr. Inzwischen gibt es auch viele Bandleaderinnen. Als ich angefangen habe, war ich in Deutschland allein.

Wer ist bei der Präsentation am Sonntag mit dabei?

Es tritt die Stammbesetzung auf, und dazu stoßen der großartige australische Posaunist Adrian Mears und der Vibraphonist Tim Collins. Ich bin sehr stolz, dass die beiden mitspielen.

Das Gespräch führte Peter T. Schmidt.

Carolyn Breuer:

„Shoot the Piano Player“ (Notnowmom Records).

Carolyn Breuer stellt ihr neues Album an diesem Sonntag, 20.30 Uhr, im Münchner Ampere vor. Karten gibt es unter Telefon 01806/ 57 00 00.

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