Schabbach existiert nicht mehr

- Am Wochenende ist im Münchner Prinzregententheater die Premiere von Edgar Reitz' "Heimat 3 - Chronik einer Zeitenwende". Die Fortsetzung der international gefeierten "Heimat"-Epen ist zugleich der Abschluss dieser Trilogie und erzählt bis in die Gegenwart hinein die Geschichte vom Dorfkind Herrmann, das in die Welt hinauszog und zum Künstler wurde. In den nächsten Wochen kommt der Film ins Kino, ab 15. Dezember wird er in stark gekürzter Fassung auch im Fernsehen gezeigt.

<P>Die Produktion von "Heimat 3" war mühsam. Die Serie ist kürzer als die früheren, dadurch wirkt sie geraffter. Im Fernsehen läuft sie noch einmal gekürzt. Inwieweit ist zumindest die Kinofassung geworden, was sie werden sollte?<BR><BR>Reitz: Ich bilde mir ein, mich von der so genannten Fernsehdramaturgie immer wieder freigestrampelt zu haben. Ich glaube, es spiegelt sich in dem Film viel von den Veränderungen des kulturellen, geistigen Klimas wider. Wenn ich ohne Widerstände gleich zum Zuge gekommen wäre, dann wäre der Film 1999 fertig geworden und zur Jahrtausendwende 2000 gesendet worden.<BR><BR>War die Fortsetzung von Anfang an geplant?<BR><BR>Reitz: Als "Heimat 1" fertig wurde, waren wir in der Gegenwart angekommen: 1984. Mir war aber immer klar, dass die 60er-Jahre, die in Hermanns Leben eine so große Rolle spielen, übersprungen wurden. Man muss sich bei so einer Geschichte irgendwann entscheiden: Geht man mit den Weggehern oder den Dagebliebenen? Ich habe mich erst für die entschieden, die im Dorf leben. Aber ich wusste immer: Der nächste Film handelt von den Weggehern. Dass "Heimat 3" mit dem Mauerfall beginnen muss, das hat sich während der Dreharbeiten für "Heimat 2" herausgestellt, während der sich der Mauerfall ereignete.<BR><BR>Wenn man die drei Staffeln vergleicht, dann fällt auf, dass in der dritten der Raum viel fragmentierter ist. Die ersten beiden Staffeln haben einen klar definierten Ort, ein einigermaßen klar definiertes Milieu. In "Heimat 2" franst es bereits etwas aus, in "Heimat 3" viel stärker.<BR><BR>Reitz: Wenn man von Heimat erzählt, dann befasst man sich mit einem Inhalt, der in der Menschheitsgeschichte über Jahrhunderte an Orte gebunden war. Diese Ortsbezüge fransen aus, und genau das wird zum Gegenstand der neuen Definition von Heimat. Die Bindungskräfte sind nicht mehr stark genug. Die Schabbacher sprechen noch ihren eigenen Dialekt, aber sie sind längst wie alle anderen. Darum war "Abschied von Schabbach" immer schon mein Lieblingstitel für die letzte Folge.<BR><BR>Ihre Figuren haben einen starken Bezug zur Romantik . . .<BR><BR>Reitz: Ich fand immer, dass die deutsche Romantik noch lange nicht zu Ende ist. Der ganze Fortschrittsglaube, unsere technische Bewältigung der Welt, die Ideen vom künstlichen Menschen, die Diskussion über den Film "Matrix", aber auch alle unsere Karriereträume - das sind romantische Bilder. Das Thema tritt in immer neuen Verwandlungen auf. Nur suche ich es nicht in Science-Fiction-Welten, sondern da, wo wir leben, an den wahren Orten. Die romantische Diskussion "Was ist Wirklichkeit? Was ist Schein?" gibt es in "Heimat" permanent.<BR><BR>Was ist für Sie der Kern der romantischen Idee?<BR><BR>Reitz: Der ganz moderne ist der Wirklichkeitsverlust.<BR><BR>Verbunden aber mit der Sehnsucht nach Wirklichkeit?<BR><BR>Reitz: Genau. Die "Heimat"-Filme sind eine der möglichen fiktiven Antworten auf diese Sehnsucht und Wirklichkeitssuche. Ich glaube allerdings, und das erzählen wir ja auch, dass man sie nicht finden wird. Es ist nicht so, dass ich anbieten kann: Heimat ist unsere Rettung. Im Gegenteil. Man muss sich am Ende von Schabbach verabschieden. Denn dieses Schabbach existiert nicht mehr. Man muss sich also neu der Frage stellen: Was ist Wirklichkeit? Ich habe darauf auch keine klare Antwort. Ich weiß nur: Ein Wirklichkeitsgefühl kann es nicht ohne Mitmenschlichkeit geben.<BR><BR>Von Anfang an verstand sich das "Heimat"-Projekt auch als Gegenentwurf zur Hollywood-Dramaturgie, etwa in der TV-Serie "Holocaust".<BR><BR>Reitz: Ja. Ich empfand vieles als eine Provokation, wollte dieser Machart widersprechen, eine andere Methode finden, wie man erzählt. Das war die Herausforderung, die ich spürte und die ich beantworten wollte. Für mich war die fiktive Chronik die Antwort. In "Heimat 3" spielt die Generationenfrage eine wichtige Rolle. Ich bin ja nun einer aus dem "Jungen Deutschen Film". Auch noch als über 70-Jähriger. Wenn man diese Vorgeschichte hat, muss man sich irgendwann damit auseinander setzen. Ich stelle den Jungen mehr Fragen als früher. Das ist natürlich ein fruchtbares Problem, denn die Antwort können dann die Jungen geben.</P><P>Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland</P><P>Prinzregententheater, Sa., 15 Uhr, und So., 14 Uhr. Karten unter Tel. 089/ 2185-2899.<BR></P><P><BR> </P>

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