Beth (Anya Taylor-Joy) trainiert Schach-Techniken.
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Ehrgeizig: Tag und Nacht trainiert Beth (Anya Taylor-Joy) Schach-Techniken. Das Spielbrett ist für sie auch eine Flucht vor der Außenwelt.

Netflix’ nächster großer Spielzug: die Mini-Serie „Das Damengambit“

Schach satt: Die geniale Netflix-Serie „Das Damengambit“ begeistert

  • Katja Kraft
    vonKatja Kraft
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Eine Serie über Schach. Klingt fad? Nicht, wenn sie so inszeniert wird wie „Das Damengambit“, die jetzt bei Netflix zu sehen ist. Eine in jeder Hinsicht fesselnde Produktion. Perfekt für dunkle Wintertage.

  • Die Dreharbeiten begannen im August 2019 in Cambridge (Ontario). Auch in Berlin und Umgebung wurde gedreht
  • Der Titel „Damengambit“ spielt auf eine häufig gespielte Schacheröffnung an
  • Die Serie basiert auf dem Roman „The Queen‘s Gambit“ von Walter Tevis aus dem Jahr 1983

Wenn es eine Serie schafft, einen dazu zu bringen, die vergilbte Ausgabe von Rudolf Teschners „Eine Schule des Schachs in 40 Stunden“ herauszukramen, mit der schon der eigene Vater in den Siebzigern versuchte, sich das Königsspiel draufzuschaffen, dann ist das eigentlich Grund genug, diese Serie zu empfehlen. Bildungsauftrag erfüllt. Aber – wie könnte es anders sein bei den verflixt cleveren Netflix-Leuten mit ihrem Sinn dafür, sich alle großen Talente einzuverleiben – damit nicht genug. Es gibt noch ein paar andere wirklich gute Gründe, in „Das Damengambit“ reinzuschauen. (Wobei „reinschauen“ natürlich wie bei allen guten Serien nur ein Euphemismus ist für sich die ganze Nacht um die Ohren schlagen, weil man einfach nicht anders kann als immer weiter ,reinzuschauen‘. Bis es nichts mehr gibt zum reinschauen. Weil Nacht und Staffel durchgemacht sind.)

Die Eröffnung: das Casting. Wer immer die 13-jährige Britin Isla Johnston entdeckt hat, hat einen guten Zug gemacht. Das talentierte Mädel mit den großen Augen spielt mit eindringlichem Blick die in sich gekehrte, vom Suizid ihrer Mutter traumatisierte Beth Harmon, die in den Fünfzigern in einem Waisenhaus in Kentucky aufwächst. Wie in der Romanvorlage von Walter Tevis entdeckt Beth in der trostlosen Erziehungsanstalt nicht nur die eskapistische Wirkung von Beruhigungsmitteln, sondern auch eine für sie völlig neue Welt: 64 schwarze und weiße Felder. Der knorrige Hausmeister (Bill Camp) des Heims erkennt das Talent des blitzgescheiten Kindes. Die Karriere einer Denksportlerin beginnt.

Der Hausmeister (Bill Camp) lehrt die junge Beth (Isla Johnston) das Königsspiel.

Dass wir uns am Ende jeder Folge fühlen wie in einer Hängepartie, die bitte sofort fortgeführt werden soll, liegt nicht an besonders hart geschnittenen Cliffhangern. Regisseur und Autor Scott Frank setzt lieber auf die natürliche Faszination seiner Hauptdarstellerin. Nach Isla Johnston wird die gespielt von der ebenso rehäugigen Anya Taylor-Joy. Ihre Blicke, die die exzellente Kamera (Steven Meizler) in den Fokus rückt, scheinen für Beth’ Gegner undurchdringbar. Doch als Zuschauer bemerkt man sofort, wenn es (ob im Leben oder auf dem Brett) schief läuft für die scheinbar Unbesiegbare. Inmitten der erstklassigen Ausstattung, die den Mief der Fünfziger und den spießigen Schick der Sechziger lebendig werden lässt, versucht hier eine junge Frau ihren Weg zu finden. Ausgerechnet in der von Männern dominierten Schachwelt. Da muss nicht die Feminismus-Keule geschwungen werden, diese Lady lebt vor, was sich jeder talentierte junge Mensch erlauben sollte: überzeugt von seinen Fähigkeiten zu sein. Ob Männlein oder Weiblein, spielt keine Rolle. Dass Beth eine Frau ist, ist aber, seien wir ehrlich, umso cooler.

Der eigene Vater, so offenbart ein Lesezeichen nach 30 Seiten Lektüre in Teschners Schach-Buch, scheint es damals übrigens nur bis zur siebten Stunde geschafft zu haben. Für die Tochter kein Grund, aufzugeben.

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