Schädelgirlanden gegen Vorurteile

- Reichtum ist das, was man braucht, um auf dem Weg der Erleuchtung zu wandeln. Reichtum heißt Freiraum und Freigebigkeit. Deswegen strecken die Jambhalas die Hand im Gebensgestus nach vorne. Andere Figurenvarianten symbolisieren mit Messer und Schädelkette, dass alles Kleinliche abgetrennt wird. Die Blutschale zeigt die Tötung des Egoismus auf. Reichtum hat also nichts mit weltlichen Gütern zu tun.

<P>Dieses Bild vom Buddhismus kennt man vielleicht noch. Es gehören aber auch schützende Fratzen dazu und Gestalten, die alle Störfaktoren niedertrampeln. Zwar ist die Grundlage der Religion eine versöhnende und freundliche, aber sie erschöpft sich nicht in einem breit lächelnden, ruhenden Buddha, in Mantra und Meditation. Die Ausstellung "Raum und Freude" im Forum des Deutschen Museums München zeigt die Vielschichtigkeit mit bestechender Schönheit. Über 200 Exponate, das älteste ein 2000 Jahre alter Steinbuddha, werden auf Goldstaub in Edelvitrinen präsentiert. Das Einmalige: Alles sind Stücke, die noch "im Dienst" sind, also aus Klöstern, Privatsammlungen und buddhistischen Zentren aus Tibet, Nepal, Indien und Europa entliehen wurden.<BR><BR>Zwar ist es legitim, die Annäherung an den Buddhismus über die Strahlkraft der Figuren zu suchen, doch schon im Eingang werden die Entstehung der Religion und ihre Verzweigungen ebenso erklärt wie die Herstellung der Figuren, ihre Befüllung und Segnung. Die Lektion ist nötig, wenn man Buddhismus jenseits von Trend und Wohndekor erfassen will.<BR><BR>Die Karma-Kagyü-Linie ist eine Schule der mündlichen Übertragung, die sich auf die lückenlose Weitergabe der Lehre seit 2500 Jahren beruft. Ihre Anhänger haben die Geschichte des tibetischen Diamantweg-Buddhismus in einem schillernden Halbrund realisiert, das in der Mitte die Lamas (Lehrer), dann die Buddha-Aspekte (die Geistesqualitäten) und am Rande die Schutzfiguren umfasst. Die Versenkung in den Anblick soll letztlich immer die eigenen Qualitäten zum Vorschein bringen.<BR><BR>Die komplette Aufschlüsselung der komplizierten Attributsprache ist nur Eingeweihten möglich. Bei den Dakini beispielsweise steht der Schweinekopf für die Unwissenheit, die überwunden wird, der Schmuck für geistige Qualitäten, der Tanz für Freude. Die Schädelgirlanden demonstrieren festgefahrene Urteile, die Flammen das Feuer der Weisheit. Diese grazilen Frauenfiguren stehen im Gegensatz zu den Mahakale, den dicken, finsteren Schutzfiguren, die, tierköpfig und wüst, die pure Kraft gegen Unbill verkörpern.<BR><BR>Kern der Ausstellung sind die Lamas, die die Lehre bis heute übertragen haben. Karmapa nennt sich der erste bewusst wiedergeborene Lama in Tibet um 1110, bis heute hat er 16 Nachfolger. Kleine Figuren sind das, mit schwarzer Krone, die individuelle Gesichtszüge tragen. Auch diese weltweit nur dreimal existierende Serie soll nicht als exzeptionelle Skulpturenfolge verehrt werden, sondern zur eigenen Reife verhelfen. </P><P>Bis 6. Januar, Tel. 089/21 12 50</P>

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