Schändung ist überall

- "Wahrlich, ihr Männer von Athen, dem Tode zu entrinnen, das ist nicht schwer, aber der Schande zu entrinnen, das ist viel schwerer, denn sie läuft schneller als der Tod." Das wusste Platon bereits vor über 2000 Jahren. Doch wer gesteht sich schon ohne Weiteres ein, dass unsere vermeintlich so moderne, aufgeklärte, humane bürgerliche Gesellschaft immer wieder partiell zurückfällt in die dumpfe Archaik der Primitivität und damit einzelne Individuen Schande übers Land bringen? Schande durch Schändung.

Was ist es, das ­ seit Anbeginn der Geschichte der Menschheit ­ die Menschen immer wieder fasziniert am Tod und seinen Opfern? Was treibt sie dazu, sich an den sterblichen Überresten in demütigender Absicht zu vergehen ­ oder sie durch Kunst zu erhöhen? Das "Spiel" mit Köpfung, Totenkopf und nacktem Schädel ­ einmal als Ausdruck höchster Vollendung in Malerei oder auf dem Theater, einmal als Inbegriff niedrigster, primitivster Bedürfnisbefriedigung. In dem Moment, in dem Deutschland durch die Nachrichten aus Afghanistan daran erinnert wird, dass es durch die Untaten einzelner sich insgesamt gefallen lassen muss, dass seine moralische Integrität weltöffentlich in Zweifel gezogen wird, hat man in München zwei Klassiker auf die Bühne gehoben, die Köpfung und Schändung in schönsten Versen und tollster Musik besingen.

Friedrich Hebbels Judith schlägt im pathos transport König Holofernes den Kopf ab und birgt ihn siegreich und voller Lust in ihrem Schoß. Und Richard Strauss‘ Salome lässt sich seit Freitag in der Bayerischen Staatsoper das Haupt des Jochanaan als Objekt ihrer sexuellen Gier kredenzen. Die Kunst adelt die Mittel. Der Totenschädel in der Hand des grüblerischen Hamlet oder auch in der des sentimentalen Helden in Philip Roths aktuellem Roman "Jedermann", die abgeschlagenen Köpfe in Mozarts Berliner "Idomeneo", in Händels Münchner "Cäsar" oder die in den Kochtopf wandernden Häupter der jungen Prinzen in Shakespeares "Titus Andronicus", wie sie in München zu sehen waren ­ sie alle animieren zu lebensphilosophischen Höhenflügen.

Die Totenschädel, missbraucht von deutschen Soldaten auf den Feldern im fernen Kabul, schüren unsere moralische Entrüstung. Doch in Wahrheit führen sie uns nur ­ das ist das Schockierende ­ auf die desillusionierende Tatsache zurück: Kunst hin, Erziehung und Bildung her ­ Schändung ist überall. Offen und schamlos dort, wo Krieg die Konvention von Moral und Anstand sprengt. Verdeckt, unterschwellig, umgewandelt in ästhetische Kategorien hier, wo der Zug des Lebens in den friedlichen Bahnen der Zivilisation verläuft. Wie schnell er entgleisen kann, erfahren wir gerade in diesen Tagen.

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