Das Schaf im Wolfspelz

- Kinder und Jugendliche ans Theater heranführen, wie kriegt man das am besten hin? Indem die Stadtsparkasse München alle drei Jahre einen Jugendramatikerpreis ausschreibt und ein engagierter Partner, dieses Jahr die Bayerische Theaterakademie (mit dem Studiengang Schauspiel, 2. Jahrgang) die preisgekrönten Stücke herausbringt. Tristan Berger, schon 1989 Mitbegründer des Vereins zur Förderung von Kinder- und Jugendtheater, stützte die diesjährige Mammut-Anstrengung organisatorisch ab. Denn eine Tripel-Uraufführung auf der Akademie-Bühne, das musste reibungslos gehen. Ging auch, - und spannend war es obendrein.

<P>Kinder wollen Märchen. Aber mal ein neues. Deshalb drehte Bettina Wegenast die Sache mit dem "Wolf im Schafspelz" einfach um. Kalle, das Schaf, will endlich mal "Wolf sein" (wer will das nicht!). Und diese für einen Gras mümmelnden Vegetarier ehrgeizige und gefährliche Metamorphose erzählt Regisseur Mario Andersen in so wunderhübsch-lustigen Bildern, dass man auch mit weit über acht Jahren einen wölfischen Spaß hat. Überdies hoppeln singend und määähh-määhhend die drei Darsteller (Jörn Kolpe, Irina Ries, Martin Wißner) in ihren wattierten Schafs-Strampelhöschen, Wolfspelzen und chinesischer Vorgartenzwergs-Tracht so behände über die Weide, spielen so unverklemmt, dass Märchen-Witz und -Moral des Textes fröhlich-unverklemmt über die Rampe kommen.</P><P>Ein sprechendes Tier ist auch in Leo Hoffmanns "Oh, what a lovely afternoon!" dabei. Mohrle, die Katze - nüchtern-gewitzt Nadine Schwitter als samtpfotiger Gesprächspartner und Ratgeber - der 17-jährigen Anna, im Abnabelungs-Clinch mit ihrem Vater. Ein Stück, das sehr - vielleicht allzu - genau die allseits bekannten Schwierigkeiten zwischen Jugendlichem und Erwachsenem durchexerziert. Regisseurin Annette Geller zieht jedoch geschickt das Spiel- und Sprech-Tempo an. Und Annigna Seiler und Stefan Born gelingen vor allem die verschiedenen Gefühls-Hitzegrade in dieser Konfrontation auf dem Weg zur Klärung und Selbstfindung des jungen Mädchens.</P><P>"Level 13", für das Alexander Schmidt den ersten Preis erhielt, ist ein Nachdenken über die schrecklichen Ereignisse seiner Heimatstadt Erfurt. Ein Stück über den Amoklauf eines Schülers, dem sich vier Freunde in einem oberen Geschoss ihrer Schule angeschlossen haben. In der angehaltenen Zeit vor dem Polizeisturm offenbaren sich zwischen gegenseitiger Aggression und Selbstaufgabe die Enttäuschung über die Schrecken in der eigenen Familie, die Öde ihres Lebens - das sie leicht wegwerfen, das eigene oder das anderer Menschen. Alexander Schmidt wagt hier das fast Unmögliche: irgendwie eine solche Lebensverachtung, "zu töten, einfach nur so", nachvollziehbar zu machen.</P><P>Lisa Nielebock inszeniert in nacktem Dreiecksraum streng, ganz aufs Wort konzentriert. Fünf junge Schauspieler halten die Spannung. Superlob auch für Katherina Kopps tolle Kostüm-Ideen und die drei Bühnenbilder von Kathrin Schlecht. Nur mit Rechteck-Kästen, mal außen grün, mal innen weiß hat sie Weide, Wald, Zwergen-Büro, Esszimmer und Schul-Gebäude gezaubert. Anschauen!</P><P>Vorstellungen bis Dezember.<BR>Heftige Abnabelungsversuche vom Papa: Stefan Born (Vater) und Annigna Seiler (Tochter) in "Oh, what a lovely afternoon!".</P>

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