Schafe auf der Engelsburg

- "In Bayreuth ist die Akustik hervorragend, aber die Sitze sind schlecht. Bei uns sind die Sitze gut, und die Akustik ist auch ausgezeichnet." Das ist richtig. Ludwig Baumann, der Intendant des Opernfestivals auf Gut Immling (bei Bad Endorf im Chiemgau), hat der Einmaligkeit seiner viel beachteten Unternehmung in diesem Jahr noch eine weitere Attraktion hinzugefügt. Die Reithalle, die mit ihren rund 650 Plätzen jedes Jahr im Juli Schauplatz für mindestens zwei Opernpremieren ist, wurde heuer neu bestuhlt.

Und nach drei Stunden "Tosca" lässt sich getrost sagen: Es gibt kein Theater, in dem man besser sitzen würde. Noch sind nicht alle Stühle bezahlt, noch besteht die Möglichkeit, für 50 Euro einen Parkettsitz zu kaufen - und ihn natürlich zu spenden. Denn es lohnt sich allemal, den Opernstandort Immling zu fördern.

Wie zu Großmutters Zeiten

Sollte eine Aufführung auch einmal künstlerisch enttäuschen, gleicht das der Gesamteindruck von Bayerns zweitem Grünen Hügel wieder aus.

Nun also als erste Neuproduktion des Immlinger Festspielsommers 2005 Giacomo Puccinis "Tosca". Ein hochpolitischer Stoff. Zudem ein Künstlerdrama. Beides miteinander verquickt, erzählt die Oper davon, wie die berühmte Sängerin Tosca und ihr Geliebter, der nicht minder geachtete Maler Cavaradossi, eigentlich per Zufall ins politische Geschehen hineingezogen werden, wie sie, indem sie einem Verfolgten helfen, moralisch verantwortlich handeln und, wenn man so will, zu Widerständlern werden.

Das ist die dramatische Seite der Oper. Darüber hinaus liegt der theatralische Reiz auch in der Tatsache, dass eine Sängerin eine Sängerin, also ihresgleichen spielt. Kleine, kluge, ironische Brechungen, bei Puccini durchaus angelegt, machen die Titelfigur extra interessant, denn sie gestehen ihr eine große charakterliche Entwicklung zu: von der Diva zur Kämpferin. Ein Bogen, der sie vor jedwedem falschen Pathos bewahren sollte. Diese und noch einige Aspekte mehr sind es, die der Oper permanente Aktualität garantieren.

Die hätte man sich auch von der Immlinger Inszenierung erwarten dürfen, zumal es doch hier in den vergangenen Jahren recht mutige Versuche junger, zeitgemäßer Operninterpretationen gab. Regisseurin Verena von Kerssenbrock aber bleibt mit ihrer Aufführung ganz im bequemen Üblichen, bedient durchaus routiniert und mit allerlei Symbolismen wie etwa brechenden Wänden und einem großen, die Bühne bestimmenden Spinnennetz alle landläufigen Opernklischees.

Ein bisschen mehr Feuer

Das überträgt sich auf die Sänger. Als musikalische Interpreten ihrer Partien können sie sich hören lassen und bestätigen zuverlässig den guten Ruf Immlings: Hé´lè`ne Bernardy als Tosca mit stimmlicher Glut; Roman Sadnik als Cavaradossi mit einem - wenn auch zu süßlichen - sorgenfreien Tenor; und mit in sich ruhendem, kräftigem Bariton Alexander Teliga als Scarpia. Als Darsteller aber wird ihnen - außer den mehrfachen, peinlich ausgespielten Vergewaltigungsversuchen - auch nicht mehr abverlangt, als das, was schon zu Großmutters Zeiten als "typisch Oper" galt. Das Perückentheater ist nicht totzukriegen.

Doch da, wo Verena von Kerssenbrock die eingefahrenen Schienen mit einem bisschen Ironie zu verlassen versucht, missglückt ihr das. Wenn zum Auftakt des dritten Aktes - Morgengrauen und Engelsburg - der singende Hirte quasi als Engel selbst erscheint, wenn dann Kinder in weißen Hemdchen kleine Schafe auf Rädern hinter sich herziehen; oder wenn - im Einheitsbühnenbild - Tosca durch das zum Ende blutverschmierte Altarbild hindurchspringt in den Tod. Es scheint, als habe sich die Regisseurin selbst ein Bein gestellt, indem sowohl Bühnenbild als auch Kostüme von ihr stammen. Nach dem Gewand der Immlinger Tosca zu urteilen, stellt diese Rolle nur eine Frau von zweifelhaftem Geschmack dar und nicht Roms große Diva. Und wenn man von dem Gemälde ausginge, das Cavaradossi für die Kirche Sant' Andrea della Valle malt, dürfte der nur ein kitschiger Barbiepuppen-Kopist sein.

Stück also verfehlt? Nicht ganz. Denn musikalisch ist diese Aufführung auf gutem Weg. Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock, Schwester der Regisseurin, hat den Festivalchor von Gut Immling fabelhaft einstudiert. Und die ausgezeichneten Münchner Symphoniker führt sie mit analytischer Klarheit, allerdings auch mit einer gewissen Reserviertheit. Ein bisschen mehr Feuer sollte schon sein - aber das kann ja vielleicht noch kommen.

Weitere Vorstellungen: 7., 9., 14., 16., 22. und 24. Juli. Nächste Premiere: 15. 7., "Cavalleria Rusticana"/ "Bajazzo". Tel. 08055/ 90  34-0; e-mail: tickets@gut-immling.de

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