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Schalk und Schönheit

Pinakothek der Moderne: - Man fragt sich, wer hier wen dominiert. Der Schmuck seinen Träger oder der Träger seinen Schmuck? Der Schalk die Schönheit oder die Schönheit den Schalk? Tatsächlich ist es die lustvolle Geistes- wie Fingergabe des Amsterdamer Schmuck- und Industriedesigners Gijs Bakker (geboren 1942), die das eine mit dem anderen lustig, illustrativ, illuster spielen lässt.

"Ich benutze Schmuck, um meine Idee von meiner Umgebung auszudrücken", sagt Gijs Bakker, der von 1958 bis 1962 Gold- und Silberschmiedekunst am Amsterdamer Instituut voor Kunstnijverheid studierte. So entdeckt er in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre mit seinen "Sportfiguren"-Broschen die ironische Kombination aus Massengeschmack und Exklusivität. Er bringt derbe, ausgeschnittene Zeitungsbildchen bekannter Sportler zusammen mit Gold und Edelsteinen. Auf die Spitze treibt Bakker seine Edelkonsumsatire, als er 1998 aus dem Foto eines jubelnden Fußballspielers, der sich das Trikot über den Kopf zieht, kleine goldunterlegte Andachtsbildchen bastelt: die Serie "Holy Sport".

Dies sind nur wenige Beispiele aus der schönen und bisher umfangreichsten Bakker-Retrospektive der Neuen Sammlung ­ Staatliches Museum für angewandte Kunst in München (in Kooperation mit dem Stedelijk Museum ‘s-Hertogenbosch), die gerade ihren reizvollen Platz unter der Rotundenkuppel der Pinakothek der Moderne eingenommen hat. Betritt man den strahlend weißen Umgang, so fallen einem jedoch zunächst die erklärenden Beschriftungen ins Auge. Nur ein wichtiges Detail kann einer solchen Wort-Dominanz trotzen: Der Ausstellungsarchitekt heißt Aldo Bakker und ist des Künstlers Sohn. Mit kongenial arhythmischem Geschick ordnet er Gijs Bakkers karikaturistische "Celebrity"-Hommagen aus den 90er-Jahren, die sperrigen Colliers der Serie "Queens" (1977) oder die mannigfachen Variationen der anpassungsfähigen "Circle In Circle"-Armreifen aus den 60ern in kreative Vitrinen-Geometrien.

Für ihn sei Schmuck mehr eine Mentalität als eine Handarbeit, erklärt Gijs Bakker, seit 45 Jahren (in Zusammenarbeit mit seiner Frau Emmy van Leersum, 1930­1984) wichtiger Pionier einer avantgardistisch autonomen Welt originellen Autorenschmucks. Diese Botschaft gibt er als Lehrender weiter. Als Mitbegründer und Direktor der Vereinigung "Droog Design" sowie als Mitbegründer der Stiftung "Chi ha paura…?" fordert er auch andere Produkt- wie Schmuckdesigner dazu auf, Freiheiten fern der Mode zu entfalten.

Neben etlichen Kunstzitaten und Alltagsemblemen liebt der Niederländer das Experiment mit Materialien von Fotos und Aluminium über Blüten und Holz bis Blattgold und Silber, das Spiel zwischen teurer Echtheit und billiger Täuschung, mit der verneinenden Imitation von Statussymbolen und der Erweiterung eines Dekors zum charaktervollen Attribut. Was dabei oft als pure, wenn auch attraktive Ironie daherkommt ­ wie etwa die Auto-Broschen-Serie "I Don‘t Wear Jewels, I Drive Them" (2001) ­, endet nicht selten in einer durchaus lieblichen Poesie: "Sie sind groß, aber sie spielen im Vergleich zu Kopf, Hals und Körper der Frau, die sie trägt, immer noch die zweite Geige", sagt er 1969 über seine Schmuckstücke aus Ofenrohren. Sehr viel augenfälliger ist da der Gefallen, den sich der Träger eines ausladenden PVC-laminierten Foto-Colliers tut: Mit Bakkers "Umarmung" (1982) hängt er sich die liebevolle Geste gleich selbst um den Hals.

Bis 20.5.

Tel. 089/ 23 80 53 60

Katalog: 49 Euro

>>> Zu den Münchner Museen

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