Den Schandfleck beseitigen

Premiere von "Das Fest": - Die Wirkung damals war unvergleichlich: Als "Das Fest" von Thomas Vinterberg 1998 als einer der ersten Dogma-Filme ins Kino kam, erlebten die Zuschauer eine ungewohnte Ästhetik, deren Sogwirkung man sich kaum entziehen konnte. Grobkörnige, verwackelte Bilder der Handkamera und natürliche Lichtverhältnisse etwa suggerierten die Intimität privater Filmaufnahmen.

Mit der Leichtfüßigkeit und den Übertreibungen einer Komödie entlockte einem der Film raffiniert Lacher, um ganz plötzlich zu schockieren: Mitten im fröhlichen Festtaumel zum 60. Geburtstag seines Vaters beschreibt Christian sexuellen Missbrauch und Vergewaltigung durch eben diesen Vater sowie das Mitwissen der Mutter. Wie viel unmittelbarer, haarsträubender noch müsste dieser Stoff im Theater wirken?

Nach mehreren Bühnenadaptionen hat nun auch Jorinde Dröse "Das Fest" für das Münchner Volkstheater inszeniert, beginnend im Foyer: Noch vor dem Einlass erleben wir die Ankunft der Brüder Christian und Michael sowie den ersten Ehestreit. Alles klar: Die Regisseurin will die Zuschauer nicht bequem und voyeuristisch zuschauen lassen, was in fremden Familien so los ist. Sie sollen gefühlsmäßig gefälligst mit an der Festtafel sitzen, an der die unappetitlichen Wahrheiten serviert werden.

Mit ihrer Sprengkraft ist diese Geschichte eine sichere Nummer, erst recht, wenn eine Könnerin wie Jorinde Dröse Regie führt. Umso erstaunlicher, dass einem diese Aufführung, bei aller Dichte und Kraft, einiges schuldig bleibt, was zunächst an der Übertragung auf das andere Medium liegt. Wer den Film nicht kennt, wird womöglich nichts vermissen. Der kann aber auch nicht ermessen, wie viel Ausdruckskraft und innere Handlung in den Filmbildern liegen, die die Szenen und Dialoge verbinden, kommentieren, konterkarieren. Bleibt diese Funktion unübersetzt, kann das Theater untergründige Entwicklungen nur behaupten oder voraussetzen. Das Ergebnis grenzt ans Boulevardtheater, wovor diese Inszenierung nur durch die Wucht des Stoffes bewahrt wird. Ein Dramatiker aber hätte das, was die Bildsprache im Film vermag, mit einer anderen Dramaturgie erzählt.

Schon die Verwendung der zunächst klugen Videos verrät ein Defizit: Projiziert auf die Rückwand, sehen wir familiäres Amateurgefilme und Betretenheit in Großaufnahme. Immer mehr aber erzählen die Videos plötzlich vom Geschehen hinter der Bühne, ahmen die ursprünglichen Filmbilder nach und wirken auf einmal unmittelbarer als das Theater. Und das ist ungerecht, weil es die große schauspielerische Leistung dieser Inszenierung herabsetzt.

Im edlen, indirekt beleuchteten Mahagoni-Halbrund von Bühnenbildnerin Julia Scholz balgen kindsköpfig wie seit je die drei erwachsenen Geschwister. Elisabeth Müller verkörpert die große Verzweiflung Helenes, die aus dem Abschiedsbrief ihrer Schwester die Wahrheit weiß, aber nicht glauben will. Andreas Tobias spielt mit etwas zu viel Verrücktheit den durchgeknallten Michael, der glaubt, ohnehin alles zu wissen und vor allem besser als seine Frau. Mit Stephanie Schadeweg hat er schönste Slapstick-Szenen im zuschnappenden Klappbett. Schließlich der feine, weiche Leopold Hornung als kämpferischer Christian. Ein wenig fehlt seiner Darstellung die einzelgängerische Egozentrik, die die Eltern dem Sohn vorwerfen, mit der sie sich auch zu verteidigen suchen.

Verstummen und Verdrängen

Unheimlich ist die körperliche Nähe in dem verlogenen Vier-Augen-Gespräch zwischen Vater und Sohn. Frappierend, wie Werner Haindls bräsiger, selbstgewisser Helge - ganz raumgreifender Patriarch - auch da noch aufkommende Scham einfach wegdiskutiert. Am schmerzlichsten und provozierendsten aber ist der Versuch der Mutter, ihren Sohn zum Verstummen und Verdrängen zu bringen: Sophie Wendt spielt Else als disziplinierte Ehefrau, die von ihrem Entschluss, sich auf einem gelungenen Fest zu amüsieren, nur schwer abrücken und den Gesichtsverlust kaum ertragen kann. Gerade hatte die Familie ihre Geheimnisse doch noch so friedlich in lustigen Trinkspielen ersäuft und sich auf die gängigste Lösung, das Verschweigen, einigen können.

Dröses Schluss ist so traurig und hoffnungslos wie der des Films: Mit Helges Abschied am nächsten Morgen, der nur kurz den angeregten Frühstückssmalltalk unterbricht, glaubt die Familie den Schandfleck beseitigt zu haben. Die sich über die Bühne senkende Schwärze ist vielsagend. Wie wichtig dieses dunkle Thema in der Öffentlichkeit ist, zeigte die begeisterte Reaktion des Publikums.

Die Besetzung

Regie: Jorinde Dröse. Bühne: Julia Scholz. Kostüme: Barbara Drosihn. Darsteller: Leopold Hornung (Christian), Werner Haindl (Helge), Sophie Wendt (Else), Andreas Tobias (Michael), Elisabeth Müller (Helene), Stephanie Schadeweg (Mette), Timur Isik (Kim), Benjamin Mährlein (Helmut von Sachs), Dirk Bender (Großvater), Stefan Murr (Leif), Katharina Haindl (Pia), Anne Bommer (Michelle), Michael Gunn (Gbatokai).

Die Handlung

Helge feiert 60. Geburtstag. Sein Sohn Christian, dessen Zwillingsschwester sich umgebracht hat, hält die Tischrede. Er bezichtigt seinen Vater, ihn und die Schwester als Kinder sexuell missbraucht zu haben. Die Festgesellschaft ignoriert die Vorwürfe. Aber Christian lässt nicht locker, wird schließlich von den eigenen Geschwistern an weiteren Reden gehindert, bis ein Brief der Verstorbenen die Wahrheit ans Licht bringt.

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