Ein Schatten, den man nie abschütteln kann

- "Bei uns hat man keine Fragen gestellt, das war das Problem." Sein Leben lang hat Martin Pollack die Lücke der ungestellten Fragen und fehlenden Antworten nicht gefüllt. Bis jetzt. Zu unangenehm war, was er nicht wusste, aber ahnte, 56 Jahre lang.

Am 6. April 1947 wird in einem Bunker am Brenner ein toter Mann entdeckt. Im Frühsommer 2003 reist Pollack zum gleichen Platz, nahe der österreichisch-italienischen Grenze. Doch das Interesse des ehemaligen "Spiegel"-Redakteurs ist rein privat: Der durch zwei Kopfschüsse und einen Schuss in die Brust ermordete Mann im Bunker war sein Vater, Dr. Gerhard Bast, promovierter Rechtsanwalt und Gestapo-Mitglied, Regierungsrat und Sturmbannführer.<BR><BR>"Eines glaubte ich von Anfang an zu wissen: Sein gewaltsamer Tod war der Abschluss eines Lebens, in dem Gewalt eine wichtige Rolle gespielt hatte."<BR>"Der Tote im Bunker" ist ein autobiografisches Buch, Vergangenheitsbewältigung, zeitgeschichtliche Recherche, in gewisser Hinsicht sogar Nachruf. Genaue Forschungen über das Leben des unbekannten Vaters anzustellen, bedeutet für Martin Pollack, die ihm deutlicheren, slowenischen Spuren seines nationalsozialistischen Großvaters aufzuspüren. Es bedeutet auch, seine eigene Kindheit zu repetieren, das Aufwachsen zwischen Linz - bei Mutter, Stiefvater und Halbgeschwistern - und Amstetten, bei den Großeltern. Der Stiefvater ist ihm ein Vater; der leibliche Vater, die Affäre der Mutter, wird totgeschwiegen, selbst als er längst tot ist. "Ich selber habe mir damals auch nie den Kopf über diese rätselhafte Konstellation zerbrochen, ich habe sie hingenommen, wie sie war, damit basta."<BR><BR>"Vom Brenner her wehte eine leichte Brise."<BR>Martin Pollack<BR><BR>Pollacks heutiges Kopfzerbrechen aber bringt eine bittere Wahrheit ans Licht, verkörpert durch die unzähligen Opfer der "völkischen Flurbereinigung" eines SS-Sturmbannführers. Beginnend an dessen slowenischem Geburtsort Gottschee, folgt Pollack dem Burschenschaftler und Jurastudenten auf seinem Weg zum rücksichtslosen Fanatiker, zu NSDAP, SS und Gestapo. Doch auch auf dessen regelmäßige, ausgedehnte Bergtouren per Ski begleitet er seinen Vater. Rückblickend, während er alte Fotografien betrachtet. In diesen eigenartig idyllischen Textpassagen er- und bekennt Pollack Ähnlichkeiten zu sich selbst, eine "geerbte" Unnahbarkeit etwa.<BR><BR>Geduldig geht der Sohn Schritt um Schritt seinem Vater nach. Geduldig berichtet der Autor Pollack seinem Leser die Ergebnisse dieser Recherche. Und geduldig muss auch der Leser sein, denn die Geschichte, so persönlich sie ist, bleibt meist ein Bericht: objektiv, ungerührt. Die Verwandten scheinen dem Autor nicht näher als andere Personen, berühmte Namen eingeschlossen. Nur durch die stellenweise Häufung von Fragen, die als Ausdruck einer Verzagtheit gelten mögen, scheint ein von grausamer Vergangenheit berührter Mann, ein nach Ruhe Suchender. "Warum ausgerechnet er? Diese Frage begleitet mich seit vielen Jahren wie ein düsterer Schatten, von dem ich weiß, dass ich ihn nie werde abschütteln können."<BR><BR>Dies sind die Momente, die den Spannungsfaden des Buches aufrechterhalten, der während der sehr detaillierten, genau recherchierten Ausführungen und Zeitensprünge allzu leicht abzureißen droht. Pollacks Beschreibungen seiner unmittelbaren Erlebnisse am Brenner im Sommer 2003 rahmen das Buch und führen die Nachforschungen im Fall Gerhard Bast zu einer spannenden Auflösung. Sie wirken gegen den Rest überraschend nostalgisch, lyrisch, fast fiktional. "Vom Brenner her wehte eine leichte Brise" - selbst das Bedrohlichste wird vom Vergessen entschärft. Es sei denn, es kommt einer und versucht, sich zu erinnern.<P>Martin Pollack: "Der Tote im Bunker. Bericht über meinen Vater". <BR>Zsolnay, 256 Seiten, 19,90 Euro.<BR><BR></P>

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