Im Schatten des Stars

- Für die Münchner Philharmoniker wird es gefährlich eng. Der neue Chefdirigent ist zwar gekürt: Christian Thielemann tritt sein Amt im Herbst dieses Jahres an. Doch noch immer ist offen, wer ihm als künftiger Intendant zur Seite gestellt wird. Bernd Gellermann hat bekanntlich sein Sonderkündigungsrecht in Anspruch genommen, weil er angesichts der Kürzungen um die "Perspektive des Orchesters" fürchtet, und scheidet zum 31. August. Die Suche nach dem Nachfolger kommt dabei einer Quadratur des Kreises gleich.

<P>Das Orchester braucht<BR>einen starken Manager<BR><BR><BR>Benötigt wird nämlich ein Intendant, der scheinbar widerstreitende Eigenschaften besitzt. Er muss mit dem eigenwilligen Chefdirigenten harmonieren, sich also im Zweifelsfall unterordnen können. Und er muss gleichzeitig als starke Persönlichkeit das Unternehmen Philharmoniker zusammenhalten, gegen sparwütige Politiker verteidigen, vor allem auch führen, wenn Thielemann an anderen Pulten aktiv ist. Denn: Erst im dritten Jahr seiner Regentschaft steht der Star München vollständig, das heißt mit mindestens 30 Konzerten, zur Verfügung. Überdies ist er zwar für geniale Dirigate berühmt, weniger aber für administrative Kompetenz. Die Philharmoniker brauchen also weiterhin einen starken, programmatisch denkenden Manager.</P><P>Mehrere Kandidaten kommen in Frage. Wer stets gehandelt wird (und sich offenbar ins Spiel gebracht hat), ist Franz-Xaver Ohnesorg. Für den gebürtigen Weilheimer sprechen seine überragende Branchenkenntnis und seine Berufserfahrung: Ohnesorg war Orchesterdirektor der Münchner Philharmoniker, Leiter der Gasteig-Betriebsabteilung, Chef der Kölner Philharmonie und der Carnegie Hall, später Intendant der Berliner Philharmoniker. Gegen ihn spricht seine oft kolportierte Dickköpfigkeit, auch sein unstillbarer Drang ins Scheinwerferlicht. Gerade deshalb überwarf er sich mit Berlins Elite-Ensemble und verließ es vorzeitig.</P><P>Thielemann, der laut Vertrag ein Vorschlagsrecht für den Intendanten hat, bekäme mit Ohnesorg einen streitbaren, äußerst selbstbewussten Partner. Da ließe sich's womöglich mit einem anderen, ihm wohl genehmeren Mann besser leben - mit Christoph Stölzl. Der Vize-Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses tauchte erst jüngst in München auf, als er im BMW-Pavillon einen prominenten Gast interviewen durfte: Christian Thielemann. Für Stölzl wäre dies eine Rückkehr in kulturelle Gefilde, scheint das Mitglied des CDU-Bundesvorstands doch in der Politik lediglich "geparkt". Denn der Bayer war immerhin Direktor des Münchner Stadtmuseums und des Deutschen Historischen Museums, danach Leiter des Feuilleton und stellvertretender Chefredakteur der Zeitung "Die Welt".</P><P>Möglich wäre auch eine Münchner Lösung, also der Wechsel eines hier aktiven Orchestermanagers zu den Philharmonikern . . . Kaum realisierbar erscheint indes eine andere Personalie: Angeblich hat sich auch Norbert Thomas beworben. Schon einmal, von 1988 bis 1996, war er Intendant der Philharmoniker, galt als Günstling Celibidaches und manövrierte das Orchester durch schwere Zeiten nach dem Tod des großen Alten, wurde dann aber vor die Tür gesetzt: Fast einstimmig befand das Orchester, das Vertrauensverhältnis sei zerstört.</P><P>Viel Zeit bleibt den Philharmonikern nicht mehr. Für Thielemanns zweite Saison (2005/ 06) müsste die Planung dringend abgeschlossen werden, immerhin ist die erste Spielzeit unter Dach und Fach - vor allem dank Bernd Gellermanns Aktivitäten. Zum Auftakt seiner Münchner Ära wird Thielemann nun Bruckners fünfte Symphonie dirigieren, der der Komponist selbst den Beinamen "Phantastische" gab - gutes Omen oder frommer Wunsch?<BR></P>

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