Schatten über der Idylle

- Dass seine Bilder in die Welt hinausgekommen sind, nicht nur bis Berlin, sondern sogar bis in die fernen USA, verwundert nicht, aber dass dieses Münchner G'wachs namens Carl Spitzweg (1808-1885) selbst ein unternehmungslustiger Fernfahrer war, ist einem nicht bewusst. Die Ausstellung "Reisen und Wandern in Europa und der Glückliche Winkel", die das Münchner Haus der Kunst vom Pfäffikoner Seedamm Kulturzentrum übernommen hat, widmet sich also weniger dem Bildmotiv des Reisens als Spitzwegs Inspirationen von unterwegs.

<P>Die hat er in Oberbayern und Franken empfangen, in der Schweiz und in Italien, in Prag oder bei der Industrieausstellung in Paris 1851 und in London. Siegfried Wichmann, gewissermaßen der Spitzweg-Papst unserer Zeit (er hat jetzt auch einen uvre-Katalog bei Belser herausgebracht), hat das Konzept der Schau entwickelt und im Katalog das Quellenmaterial, etwa die Spitzweg-Briefe, aufbereitet.</P><P>"Scharfer Hieb mit kurzen Waffen/ Wird zumeist den Sieg erraffen Kluges Wort, das wohl erdacht/ Siegt auch in der Redeschlacht."<BR>Carl Spitzweg</P><P>In der Präsentation kommt das alles bis auf einige Landkarten und das Schweizer Skizzenbuch nicht zum Tragen. Bezüge werden nicht hergestellt. Man merkt außerdem, dass manche Reise-Kapitel den Kuratoren einiges Kopfzerbrechen bereitet haben. Da tauchen Verlegenheitslösungen auf wie das "Heilige Land" oder "Märchenhafte Wanderungen". </P><P>Der Besucher nimmt's gelassen zur Kenntnis, denn er freut sich auch ohne alles Beiwerk an den 200 Gemälden Spitzwegs sowie an den Zeichnungen in der gesamten Süd-Galerie des Hauses der Kunst. Dabei machte Wichmanns Hinweis auf die oft gemalten Agaven viel neugieriger als die diversen Touren: Agaven seien damals die einzigen Heilmittel gegen Syphilis gewesen . . .<BR><BR>Ein kleines, harmloses Zeichen dafür, dass alle Idyllen, dass der "Glückliche Winkel" dunklen Seiten haben. Kaum einmal vergisst Carl Spitzweg die Schatten. Sie ziehen sich in dichten Buschgründen, drohend aufragenden Felswänden, undurchdringlich düsteren Schluchten zusammen. Dagegen sind die Drachen und Teufelchen oder die Riesenschmetterlinge im Exotenwald doch nachgerade putzig. Das Ungreifbare löst die Angst aus. </P><P>Da mag der österreichische Zöllner noch so gemütlich sein Pfeifchen auf dem besonnten Gras rauchen, das sich über ein altes Gemäuer zieht, mag der weiße Spitz noch so aufgeweckt dem Betrachter entgegenschauen, den breitesten Raum in dem Gemälde nimmt ein graues konturloses Gewaber ein, das sich auf das Sonnenplätzchen zuzuschieben scheint.<BR><BR>In einer Zeit des hohen Pathos', der großen Aussage, der Heroen und Historienmalerei wagt der Apotheker Carl Spitzweg aus München das kleine Gefühl, den simplen Alltag, den schwachen Privatmenschen, eine bescheidene Malerei. Das, was hier als biedermeierlich belächelt wird, ist die Revolution des Bürgers, der gern auf Helden verzichtet, denn sie treten nur in Kriegen auf. Spitzweg ist zu zahlreichen Festungsanlagen gefahren, gezeigt hat er sie aber nur als Ruinen. Huflattich und Klee wächst auf ihnen. </P><P>Wäsche wird hier zum Trocknen aufgehängt. Ein Spatz sitzt seelenruhig auf der Kanone, und der Soldat schiebt nur noch pro forma Wache: Der eine gähnt, der der andere strickt und hat sein Wollknäuel in der Patronentasche verstaut. Zum 1870er/ 71er-Krieg meinte Spitzweg in seinem Tagebuch: "Scharfer Hieb mit kurzen Waffen/ Wird zumeist den Sieg erraffen// Kluges Wort, das wohl erdacht/ Siegt auch in der Redeschlacht."<BR><BR>Neben den schrulligen Soldaten gibt es bei Spitzweg noch viele andere freiwillige und unfreiwillige Einsame: Einsiedler, Gelehrter, Hagestolz, Mönch, Wanderer, Jäger und gelegentlich das Mädchen, das in stiller Natur vor einem Marterl betet. An diesen Einzelgängern machen die Künstler seit der Romantik das Ausgesetztsein in einer gefährlichen Welt fest, aber auch das vielfältige Spannungsverhältnis zur Gesellschaft. </P><P>Das kann zerstörend, aber auch komisch sein. Spitzweg hält sich mit seinem Schmunzeln über die Menschen eher an die Nestroys und Buschs. So scheint "Der ewige Hochzeiter" einer Komödienszene entsprungen. Der herausgeputzte, aber zugleich etwas nachlässig gekleidete Freier überreicht auf offener Straße nicht gerade stilsicher seinen Strauß dem überraschten Mädchen. Es hat gerade Eimer aus dem Haus getragen. </P><P>Heftig kommentiert wird das Ereignis von zwei Mägden. Aber es gibt noch weitere Zuschauer. Frau Schalusy (jalousie = Eifersucht) und Herr Neiderl - so die Handwerkerschilder am Haus - beugen sich mit sauren Gesichtern aus den Fenstern. Kein Wunder, dass auch in diese Gassen-Idylle scharfe Schlagschatten fallen. </P><P>Ausstellung bis18. Mai. im Haus der Kunst<BR>Katalog, Belser Verlag, Stuttgart: 34,80 Euro. <BR>Kostenlose Führungen: mittwochs 12 Uhr, freitags 19 Uhr. Tel. 089/ 211 27 115.<BR><BR><BR></P>

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