Der Schattenmann

- Sehr stolz ist das Team des Münchner Hauses der Kunst, weil es eine veritable Ausstellungen aus dem New Yorker Museum of Modern Art an Land ziehen konnte. Was mancher nicht weiß, die berühmte Kunstschatzkammer besitzt eine gewaltige Sammlung von Fotografien. Auf Lee Friedlander wurde man dort schon zu Beginn der 1960er-Jahre aufmerksam und begann seine Arbeiten zu kaufen.

Zurzeit besitzt das MoMA rund tausend Fotografien von Friedlander und kann in Zukunft das uvre komplettieren. Kein Wunder also, dass die Kuratoren eine Retrospektive konzipierten, die nun mit über 300 Fotos unter dem Titel "Lee Friedlander 1956-2004" als "Europapremiere" in München präsentiert wird (unterstützt von der Kulturstiftung der Stadtsparkasse und des Sparkassen-Kulturfonds). Paris, Madrid und Barcelona folgen.

Beredte Aussage der stummen Dinge

Friedlanders Werke haben die Unterstützung durch die MoMA-Aura nicht nötig. Sie sind über weite Strecken herausragend. Der Fotograf, 1934 in Aberdeen, Washington, geboren, wohnhaft in New York, kam früh zur Lichtbildnerei, werkelte ganz handfest für Zeitschriften - und für Musiker wie Miles Davis oder Aretha Franklin und ihre Schallplattenumschläge: die einzigen Farbaufnahmen der Schau in der Süd-Galerie des Hauses der Kunst. Aber schon die Bilder der 60er zeigen einen sein Medium gründlich reflektierenden Künstler.

Der Ausstellung sind als  Prolog  eine Reihe von "Interieurs" vorangesetzt: karge, menschenleere Zimmer mit ein paar Möbeln, "belebt" nur durch den Fernseher mit seinem magischen Auge. Dieses scheinbare Fenster in die Welt fesselte Friedlander. Er thematisierte mit diesen Fotos Sehen und doch Nicht-Sehen wie Nam June Paik damals mit seinen (Video-)Installationen.

Faszinierend bei dem Fotografen ist, dass er sich auf dem Diskussionsstand der bildenden Kunst befindet und den sogleich mit der dokumentarischen Haltung eines Walker Evans (1903-1975) und Robert Frank (Jahrgang 1924) zu verschmelzen vermag. Lee Friedlanders Wissen um eine Tradition, die die stillen Dinge und ihre beredte Aussage schätzt - auch Kollege Eugè`ne Atget (1857-1927) gehört dazu -, verschafften ihm eine besondere bildnerische Kraft. Durch sie erlangen die banalsten Gegenstände eine Allgemeingültigkeit. Wenn in der Serie "The American Monument" (1976) ein Denkmal überragt wird von dem Wirtschaftsriesen Coca-Cola und visuell umtost von einem Wirrwarr an Banal-Architektur und Stadtmöblierung, dann sagt das viel mehr über urbane und historische Heimatlosigkeit als eine lange soziologische Analyse - und schaut darüber hinaus noch spannend aus.

Ob Menschenbildnis oder Gartenblumen, Straßenzug oder Zimmer, ob Wüstengestrüpp oder Aktbild, Friedlander will nie schockieren, aber immer irritieren. Niemand soll seinen Augen wirklich trauen dürfen. So wird ein langweiliger Hauseingang mit Glastüren zum Vexierspiel ("New York City, 1963"). Geht die Frau mit den weißen Stöckelschuhen wirklich raus? Steckt der Mann mit dem Karohemd zwischen mehreren Glasscheiben fest?

Und wohin will der gespiegelte Mann mit der dicken Aktentasche? Fenster, Glas und Spiegel ermöglichen außerdem, viele Einzelinformationen in ein Bild zu schachteln, ähnlich einer Collage. Dieser Strategie folgt Friedlander auch, wenn er Bild im Bild situiert: ein Tony-Curtis-Foto im Scherengitter, ein Kennedy-Teppich im Schaufenster oder Reklameplakate an Häuserfassaden.

Wer so fotografiert, sieht sich aufrichtigerweise bloß als Schatten auf der lichten Fläche der eigenen Aufnahme. Nur konsequent: Wenn Friedlander zu seinem eigenen Fotomotiv wird, schauspielert der Mann.

Bis 12.2.2006, Tel. 089/ 21 12 71 13, Katalog: 36 Euro.

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