Schatz im Bahnhof

Einmaliges Geiger-Werk: - Rupprecht Geiger feiert heute seinen 99. Geburtstag. Wäre es nicht ein schönes Geburtstagsgeschenk an den Künstler, der weltweit zu den renommiertesten der abstrakten Kunst zählt, eines seiner frühesten Werke für den öffentlichen Raum zu "ehren": sein gigantisches Relief in der Eingangs-Glasfassade des Münchner Hauptbahnhofs?

Nicht einmal die ausgebrannten Lampen dieses nachts eigentlich strahlenden Objekts werden erneuert. Eigentlich müssten Kunstwerk und Bahnhof in die Denkmal-Liste aufgenommen werden

Der im Zweiten Weltkrieg stark beschädigte Bahnhof wurde zwischen 1945 und 1960 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. 1960 konnte das Empfangsgebäude eröffnet werden. Geiger, Architekt und Maler, erhielt mit dem Relief seinen ersten öffentlichen Auftrag. Der Entwurf stammt aus dem Jahr 1951. Das Werk nimmt mit circa sechseinhalb Metern Höhe und 30 Metern Breite das obere Drittel der Hallen-Fassade ein. Das Relief besteht aus nahezu quadratischen, eloxierten Aluminiumplatten in Grau- und Blautönen, die in drei hintereinanderliegenden Ebenen zu abstrakten Formen zusammengesetzt sind.

Bahn lässt Meilenstein der Kunstgeschichte vergammeln

Zwischen den Ebenen platzierte der Künstler Leuchtstofflampen, deren indirektes Licht die Teile schweben ließ. Allerdings sind inzwischen einige der Lampen ausgefallen, wodurch das Werk in seiner Wirkung leidet und sein Wert stark gemindert wird. Bedauerlicherweise brennt auch am Vordach nur ein geringer Teil der vorgesehenen Lampen.

In Geigers Œuvre ist das Relief einmalig. Es ist das einzige, in dem er das Licht der Leuchtstofflampe als künstlerisches Mittel einsetzt ­ und dies zu einem sehr frühen Zeitpunkt. In der Kunstgeschichte gilt der amerikanische Künstler Dan Flavin als der erste Künstler, der die Leuchtstofflampe seit 1961 nutzt. Beiden Künstlern gemeinsam ist, dass sie die reine Farbe in den Mittelpunkt ihrer Kunst stellen. Da das Lichtrelief in einer Zeit entstand, in der Geiger sowohl als Architekt als auch als Maler tätig war, verbinden sich die Ausdrucksformen der beiden Berufe in der Arbeit.

Eine zusätzliche Bedeutung gewinnt die Skulptur Geigers im Münchner Hauptbahnhof dadurch, dass sie zu den ersten Kunstwerken zählt, die im Zusammenhang der Kunst-am- Bau-Regelung entstanden. Bereits in der ersten Legislaturperiode des Deutschen Bundestages wurde im Januar 1950 beschlossen, einen Teil der Bausumme öffentlicher Bauten für Kunst aufzuwenden. Damit sollten der zeitgenössischen Kunst Impulse gegeben werden, sich gegen die durch die Nationalsozialisten bestimmte "Kultur" durchzusetzen. Rupprecht Geigers Kunstwerk zeugt von dem Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg.

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