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Der innerste Sarg, in dem die Mumie lag, wog 110 Kilo.Hier die Replik.

Tutanchamun-Entdecker Howard Carter

Schatzgräber im Tal der Könige

München - Der Brite Howard Carter war ein Dickschädel: Unbeirrbar suchte er das Pharaonen-Grab von Tutanchamun – und fand es 1922. Carter, der vor 70 Jahren starb, entdeckte einzigartige Schätze. Eine Ausstellung, die nun nach München kommt, lässt das alte Ägypten wieder aufleben.

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Staubig ist es und heiß, so tief unten in der Grabanlage, und irgendwann hält Lord Carnarvon die Ungewissheit nicht mehr aus. „Können Sie etwas sehen?“, fragt er ängstlich. Vor ihm steht Howard Carter, er hat ein Loch in die Wand vor ihnen gebohrt und eine Kerze durchgesteckt. Sie erhellt die Kammer hinter der Mauer nur schwach. Doch es genügt. Carter stockt der Atem. „Ja“, stößt er hervor. „Ich sehe wunderbare Dinge!“

So hat es sich zugetragen, an jenem 26. November 1922, so steht es in Carters Originalbericht. Es war seit hundert Generationen der erste Blick in die Vorkammer der letzten Ruhestätte von Pharao Tutanchamun – 3300 Jahre lang hatte sie kein Mensch zu Gesicht bekommen. Als Carnarvon, der die Grabung finanziert hatte, vor das Guckloch tritt, erspäht er endlich die Schätze, an deren Fund er fast nicht mehr geglaubt hatte: „Seltsame Tiere, Statuen und das Gold – überall glänzendes, schimmerndes Gold!“ Es war eine Sternstunde der Archäologie: Sie hatten ein Pharaonengrab entdeckt, das praktisch nicht geplündert war und darum randvoll mit Schätzen.

"Es ist eine echte Schatzgräber- und Abenteuerstory"

Begonnen hatte alles mit einem Autounfall Carnarvons – und damit, dass der Archäologe Carter in Ägypten seinen Spitzenjob verloren hatte. „Es ist eine echte Schatzgräber-Abenteuerstory“, meint der Ägyptologe Wolfgang Wettengel aus München, der die neue Tutanchamun-Ausstellung betreut (siehe Kasten). Carnarvon überschlug sich 1901 im hessischen Taunus mit seinem Auto, als er einem Ochsengespann auswich. Der am Brustkorb lädierte Lord wurde zur Erholung ins warme Ägypten geschickt, wo er sonst wohl nie gelandet wäre. Damals kannte er Carter noch nicht, der wenige Jahre später als Chefinspektor für die Altertümer in Ägypten hinschmiss – und daraufhin umso verbissener nach dem Grab Tutanchamuns jagte.

Für Carters Erfolg sprach zunächst nicht viel. Seine Ausbildung war bescheiden, seine Konstitution schwächlich. Am 9. Mai 1874 wurde er als jüngstes von elf Geschwistern in London geboren. Er wächst im Dorf Swaffham in Norfolk auf, Forscherdrang legt er früh an den Tag. Dazu kommt ein Zeichnertalent, das er vom Vater hat, einem Zeitungsillustrator. Mit 17 Jahren verschlägt es ihn, ohne dass er einen Beruf erlernt hat, nach Ägypten. Ein Freund der Familie, ein Wissenschaftler, ist von Carters Zeichnungen so angetan, dass er ihn engagiert – zum Abpausen von Grabbildern.

Der junge Autodidakt leckt Blut: Die Archäologie fasziniert ihn. Mentoren bringen ihm das Graben bei, der britische Egypt Exploration Fund stellt ihn an, und um 1900 steigt Carter zum Chefinspektor auf, für die Altertümer in Oberägypten, dann in Unterägypten. Er lernt den Kunstsammler Theodore Monroe Davis kennen: Der hat eine Grabungslizenz für Theben-West, wo das sagenumwobene Tal der Könige liegt. Dreißig Gräber buddelt Davis dort ab 1902 aus – darunter das berühmte von Königin Hatschepsut. Immer voll dabei: Howard Carter.

Doch sein Höhenflug endet jäh. 1905 arbeitet er als Chefinspektor in Sakkara. Im Serapeum, der Kultstätte für die Apis-Stiere, kommt es zum Eklat. Ein paar Franzosen tappen betrunken ins stockdunkle Heiligtum, ohne Eintrittskarten. Als sie keine Kerzen kriegen, fliegen Steine. Carter, der Chef, wirft die Truppe hinaus. Ein Brite gegen Franzosen – nach den kolonialen Krisen am Nil keine harmlose Sache. Es gibt diplomatische Verwicklungen, und die Oberen verlangen eine Entschuldigung. Carter weigert sich. Lieber tritt er zurück. „Er hatte einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit“, sagt Wettengel. „Und er war stur.“

Die nächsten Jahre schlägt sich Carter als Zeichner und Antiquitätenhändler durch – bis er Lord Carnarvon begegnet. Der ist Aristokrat durch und durch: Gentleman, Weltenbummler, Schlossbesitzer, Sportsmann, Kunstsammler und einer der ersten Automobilisten. Seit seinem Unfall hat er Atembeschwerden, darum flieht er jeden Winter ins warme Nil-Klima. Die Pyramiden inspirieren ihn. Er beginnt zu graben, doch ihm fehlt die Erfahrung. Da wird ihm Carter empfohlen. 1914 übernimmt Carnarvon die Grabungslizenz fürs Tal der Könige. Das gilt zwar als archäologisch ausgereizt, die meisten großen Gräber sind freigelegt. Doch Carter ist fest überzeugt, dort auch das verschollene Grab Tutanch- amuns zu finden. Schon zuvor sind Tongefäße aufgetaucht – darunter ein Becher, auf dem der Name des Königs stand. Manches lag in einer geplünderten Grube, die Davis für die letzte Ruhestätte des Pharaos hält. Nicht so Carter: Er glaubt, dass der Pharao im Tal der Könige bestattet wurde.

1917 geht es los. Mit Carnarvon als Sponsor und einem Trupp ägyptischer Arbeiter gräbt Carter das Tal fünf Winter lang um. Er sucht in der Talsohle, wühlt sich durch Schichten von Schutt – erfolglos. Im sechsten Jahr will Carnarvon aufgeben, nachdem er so viel Geld buchstäblich in den Sand gesetzt hat. Doch Carter beschwört den Lord eindringlich, noch eine Saison durchzuhalten. „Er war sehr energisch“, sagt Wettengel. Es sollte sich lohnen.

Drei Tage nach dem erneuten Beginn, am 4. November 1922, kommt ein Arbeiter angerannt: Aufgeregt meldet er, er habe eine in Fels gehauene Stufe freigelegt. Tief im Geröll hatten sie Arbeiterhütten aus pharaonischer Zeit entdeckt und darunter weitergegraben. Die Stufe entpuppt sich als Eingang zu einem Grab. Das einer Person von Rang, wie Carter am Siegel der thebanischen Totenstadt erkennt. Zwei Wochen später reist Carnarvon an. Sie schaufeln einen Gang frei, der weit in die Erde führt. Treten hinein. Stehen vor der Wand der Vorkammer. Und durchs Guckloch erblickt Carter die „wunderbaren Dinge“. Es ist ihr persönliches Weltwunder. Das Grab von „Tut“, wie ihn Forscher nennen.

Die finden später auch heraus, dass kurz nach seinem Tod Grabräuber dort zugange waren. Doch sie entwendeten wohl nur wenige Dinge. „Sie wurden offenbar von jemandem gestört“, vermutet Wett-engel. Danach vermauerte die pharaonische Friedhofsverwaltung den Eingang erneut und schüttete den Korridor zu. So blieb alles versteckt – bis die Briten kamen.

Die Siegel am Schrein sind intakt -kein Räuber war da

Die dringen immer weiter in die Anlage vor. Drei Monate brauchen sie alleine, um die Vorkammer auszuräumen und den Boden „nach der letzten Perle“ zu durchsieben, wie Carter schreibt. Am 17. Februar 1923 brechen sie zur Sargkammer durch. Drinnen haben sie eine goldene Wand vor sich – der äußerste von vier Schreinen, die den Sarkophag mit der Mumie von Tutanchamun umgeben. Die Siegel sind intakt: Kein Räuber war da. „Wir fühlten, dass wir in Gegenwart des toten Königs waren und ihm Ehrfurcht erweisen mussten“, schreibt Carter.

Sie öffnen die Schreine vorerst nicht. Und erleben noch eine Überraschung. Am Ende der Kammer zweigt eine weitere ab. Sie ist prall gefüllt. „Ein einziger Blick genügte, uns zu zeigen, dass sich hier die größten Schätze des Grabes befanden“, so Carter. Dort „stand das schönste Denkmal, das ich jemals gesehen habe ... Ich schäme mich nicht, einzugestehen, dass es mir unmöglich war, auch nur ein Wort herauszubringen.“

„Erhitzt, staubig und ermüdet“ treten sie wieder ins Sonnenlicht. Die kommenden zehn Jahre wird Carter damit beschäftigt sein, die Grabschätze zu sichern. Das ist nicht einfach. Lord Carnarvon stirbt im April 1923 an einem Infekt, was die Mythenbildung rund um einen „Fluch des Pharao“ (siehe Randspalte) befeuert. Zudem grollen die Ägypter, weil die Briten exklusiv die Londoner „Times“ über das Grab berichten lassen. Die Folge: Die Anlage wird geschlossen. „Die Zeiten der Ausgräberherrlichkeit im kolonialen Stil waren mit der Entdeckung des Grabes endgültig zu Ende“, so Wettengel.

1925 darf Carter wieder ran. Später geht er auf Vortragsreisen, bis er an Krebs erkrankt. Er stirbt am 2. März 1939 mit 64 Jahren. Obwohl ihn, den archäologischen Autodidakten, die Fachwelt zeitlebens nicht anerkannte, „gilt Carters Grabungsarbeit heute als Meilenstein in der Archäologie“, sagt Wettengel. Carter scharte hervorragende Leute um sich, vor allem Konservatoren. Und er ließ vom Fotografen Harry Burton alles lückenlos dokumentieren. Carter hatte Weitblick – und deswegen können heute auch Ausstellungsbesucher sagen: „Ich sehe wunderbare Dinge.“

Christine Ulrich

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