Das Schatzhaus öffnet sich

- Was wissen wir von Afghanistan, einem Land, das immerhin so groß ist wie Frankreich und die Beneluxländer zusammen? Einschlägige Kenntnisse vermittelt die außerordentlich reichhaltige Ausstellung in Rosenheims Lokschuppen. Ein Glücksfall: Die seit über vier Generationen in einer Stadt bei Kabul ansässig gewesene, nach Wien ausgewanderte Händlerfamilie Rahimy gab ihre systematisch angelegte, sorgsam bewahrte Sammlung auf Tournee durch Europa. Das Münchner Völkerkundemuseum stellte einige Leihgaben und den wissenschaftlichen Leiter, Gerhard W. Schuster. Haji Omer Rahimy, das Oberhaupt der Familie, will mit dieser aufwändigen Exposition nicht zuletzt unter den rund 55 Volksgruppen Afghanistans und unter den im Exil Lebenden die Rückbesinnung auf die eigenen Traditionen bewirken.

<P>Sechs Völker dieses heute 27 Millionen Einwohner zählenden, in 32 Provinzen gegliederten Landes zwischen Tiefebene und Hindukusch werden in der Ausstellung beschrieben: die 40 Prozent der Bevölkerung stellenden Paschtunen, die Tadschiken (25 Prozent), die mongolstämmigen Hesoren (15 Prozent) sowie die Minderheiten der Usbeken, Nuristani, Balutschen und Turkmenen. Die 25 Jahre Krieg und Bürgerkrieg haben ein weit zurückreichendes kulturelles Erbe weitgehend zerstört. Allein im Museum von Kabul gingen durch Raketenbeschuss und anschließende Plünderungen 70 Prozent der dort aufbewahrten, vorwiegend buddhistischen Kunstwerke unwiederbringlich verloren.<BR><BR>Im Rosenheimer Lokschuppen dagegen öffnen sich Hochzeitstruhen, Schatzkästen und Basare des Kostbaren, als wäre nichts Böses geschehen. Große Brocken von Smaragden, Rubinen und Turmalinen sowie das einst in der europäischen Malerei fürs Blau benötigte Lapislazuli künden von den Reichtümern des Hindukusch. Jahrhundertelang blühten die Textilkünste - nicht nur die Werkstätten der Teppichknüpferinnen. Ein aus 13 Streifen zusammengenähter Bodenteppich verweist auf die farbigen Stammesmotive der Usbeken. Ein kostbarer Seidenmantel enthält die Statussymbole der Turkmenen: viel Rot mit faserigen Verläufen. Die Hauben turkmenischer Frauen sind zusammen mit dem überreichen Hals-, Arm- und Haubenschmuck der Tadschiken im "Schatzhaus" zu entdecken. Dort auch die fünf Säulen des Islam, Beispiele der Volksmedizin und der Gebetskultur, des Glaubens an die Kraft der Amulette und der Schrift. Ein Stockwerk höher sind die geschnitzten Möbel zu bewundern.<BR><BR>Der Alltag tritt zurück hinter allem, was ein Festtag erfordert, insbesondere eine Hochzeit. Mit seiner Seidenstickerei, seinem Seidenturban und seinem Schultertuch prunkt z. B. ein Paschtune. Das Wohnen in Nuristan, das Musizieren mit beschnitzten Instrumenten, eine Brautsänfte, Küchengerät und Glasbläserei - an schier alles ist gedacht. Als Herzstück wurde ein Basar mit 15 Werkstätten errichtet mit Dorfmoschee und Teehaus. <BR></P><P>Bis 26. September, Tel. 08031/365 90 36; Begleitbuch: 19,90 Euro.</P><P> </P>

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