Schatztruhe der abendländischen Kunst

Assisi - Sie ist einer der größten Kunstschätze Italiens: die Grabeskirche Franz von Assisis (1182-1226). Ein opulenter Bildband, der gerade erschienen ist, erlaubt den Lesern schier unglaubliche Einblicke in das Gotteshaus - und eine Zeitreise durch Kunst- und Kirchengeschichte.

Es war ein ziemliches Dilemma, in dem sich die Ordensmänner in den Jahren nach dem Tod Franz von Assisis am 3. Oktober 1226 befanden: Ihre letzte Ruhe sollten die Gebeine des gerade mal zwei Jahre später heilig Gesprochenen in der Basilika San Francesco finden, die bis heute majestätisch über dem Städtchen Assisi in Umbrien thront. Bereits im Jahr 1230 fand die Umbettung statt. Ein Stein gewordener Lobpreis Gottes sollte die Grabeskirche sein, schmuckvoller Anziehungspunkt für hunderttausende Pilger. Doch wie sollte das alles und der - verglichen mit dem Gründer - bequemere Lebensstil der Ordensmänner mit Franz von Assisis Armutsideal in Einklang gebracht werden? In der Tat: ein Dilemma. Doch dessen Lösung verdanken wir eine Schatztruhe der Kunstgeschichte.

Denn aufgelöst wurde dieser Zwiespalt durch Franziskus’ Stigmata: Bonaventura, Generalminister des Ordens und Autor einer 1263 vollendeten Franziskus-Biografie, erhob den Ordensgründer mit Verweis auf die Wundmale in den Stand des Göttlichen - und rückte den Heiligen so für alle in unerreichbare Ferne. Franziskus’ Leben wurde unnachahmlich: „Auf diese Weise ließ der Orden von Franziskus als Lebensmodell ab und wurde zugleich von diesbezüglichen Gewissensbissen befreit“, erklärt Chiara Frugoni, eine der renommiertesten Expertinnen für mittelalterliche Sozialgeschichte und Ikonografie, die an den Universitäten in Pisa und Rom lehrt: „Es war schlicht unmöglich, das Niveau des Heiligen zu erreichen.“

Nicht zuletzt, um den Gläubigen davon zu berichten, entstand der große Freskenzyklus in der Oberkirche der Basilika: Basierend auf Bonaventuras Franziskus-Biografie wurden hier von Giotto und seinen Kollegen auf den noch feuchten Wandverputz („Fresko“ leitet sich ab vom Italienischen „al fresco“, „ins Frische“) Szenen aus dem Leben des Heiligen gemalt. Die klare Farbgebung, das gewitzte Spiel mit Kontrasten, die detaillierte Wiedergabe der Natur sowie die lebendige Ausgestaltung der Menschen beflügelten in der Folge die Entwicklung der Kunst. Die Schilderung des Ordensgründers als Stigmatisierten, also beinahe Göttlichen, beeinflusste obendrein die Ordens-Politik.

Doch die Fresken von San Francesco in Assisi verraten noch mehr: So geben sie etwa Auskunft über den Umgang der Mönche mit Franziskus’ Abneigung gegenüber Studium und Lehre. Auch das: ein Dilemma. Schließlich waren die meisten Ordensbrüder Priester, die oft Theologie unterrichteten. Daher sehen wir auf den Fresken so häufig den Ordensgründer schweigend, allenfalls den Segen spendend. Denn was diese Bilder zeigen (oder eben nicht), spiegelt immer auch (Kirchen-)Politik wider.

Gerade dieses Beleuchten kirchengeschichtlicher Details, die sich in der Kunst wiederfinden, machen Gianfranco Malafarinas Bildband „Die Kirche San Francesco in Assisi“ so spannend. Zudem hat Chiara Frugoni dem Buch eine auch für Nicht-Wissenschaftler verständliche und lesenswerte Einführung vorangestellt.

Das Gotteshaus, das eines der ranghöchsten der katholischen Kirche ist und nach einem schweren Erdbeben im Jahr 1997 aufwändig wiederhergestellt wurde, ist zudem ein ganz außergewöhnliches Kunstzeugnis. Über einen Zeitraum von mehr als 70 Jahren arbeiteten hier die besten Künstler ihrer Zeit: Neben Giotto waren das etwa Cimabue, Simone Martini und Pietro Lorenzetti. Sie schufen in Ober- und Unterkirche Fresken, die mit großem Schauwert von der Entwicklung der abendländischen Malerei zeugen. Hier finden sich Meisterwerke aus dem späten 13. und dem 14. Jahrhundert. Arbeiten, die die bis dato bekannte Bildsprache des Abendlandes erneuerten - und somit die Renaissance vorbereiteten. Um das einzufangen, wechseln die Macher des Buches geschickt zwischen weitgefassten Panorama-Bildern aus dem Innern der Kirche und Detailaufnahmen: So nahe wie hier kommt heute kein Besucher in San Francesco den Fresken.

Doch wie gibt man diese Kunstschätze in einem Buch möglichst wirklichkeitsgetreu wieder? Dazu wurde ein großer Teil der Fresken auf mattem Papier gedruckt: „Bei der Konzeption unserer Bildbände ist es uns immer wichtig, mit Hilfe der Gestaltung und den Abbildungen die Besonderheiten eines künstlerischen Werks zu visualisieren“, erklärt die zuständige Lektorin des Hirmer-Verlags. „Im Fall von ,Die Kirche San Francesco in Assisi‘ haben wir deshalb einen Teil auf speziellem Papier gedruckt, um mit der offenen und rauen Struktur die leicht poröse und matte Haptik der gezeigten Fresken nachzuahmen.“

Ein Aufwand, der sich gelohnt hat.

Michael Schleicher

Gianfranco Malafarina: „Die Kirche San Francesco in Assisi“. Hirmer Verlag, München, 324 Seiten; 49,90 Euro.

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