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Die Collage „Pavane Fantastique“ aus Stoff- und Papierfetzchen sowie Pailletten entwickelte Alexander Sacharoff 1916/17 als überdrehtes Rokoko-Kostüm für seine Choreographie „Pavane Royale“. Zuvor ließ er sich von antiken Gewändern inspirieren.

Zur Schau „Der Blaue Reiter“ im Kunstbau

München - Was sieht man da überhaupt? Dieses knallbunte Sprühen von Ecken und Splittern - ist es das zauberische Bild, das einem ein Kaleidoskop vorgaukelt?

Alexander Sacharoff (1886 bis 1963) montierte mit einer schier unfassbaren Geduld und Genauigkeit, mit großem Witz und Fingerspitzengefühl Collagen aus Uni-Stoffen und gemustertem Gewebe, aus Pailletten und Papieren aller Art, akzentuiert durch schimmerndes Stanniolpapier. Er entwickelte diese Miniaturkunstwerke, um seine Ideen zu Kostümen oder Opern zu veranschaulichen. Jetzt sind die putzigen Wunderwerke der Fantasie in der Ausstellung „Der Blaue Reiter - Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafik - Ein Tanz in Farben“ im Münchner Kunstbau zu entdecken.

Alexander Sacharoff (1886-1963) war von der Malerei zum Tanz gekommen. In München hatte er 1910 sein Debüt im Königlichen Odeon.

„Tanz“ und „entdecken“ sind die richtigen Stichwörter bei Sacharoff, denn er war ein berühmter Tänzer - und er gehört in der Schau zu den eher unbekannten bildenden Künstlern, wie auch Albert Bloch, Eugen von Kahler oder Elsa und Eduard Schiemann. Alexander Sacharoff, 1886 als Sohn von Simon Zuckermann im ukrainischen Mariupol geboren, wollte eigentlich Maler werden. Pilgerte 1903 und 1905 in die zwei Kunst-Mekkas der Zeit: nach Paris und nach München. In der Seine-Stadt wurde er durch Sarah Bernhardt mit dem Bühnen-Virus infiziert, in der Isar-Stadt bekam er die Chance aufzutreten. Zunächst war er noch an der Kunstschule eingeschrieben, ließ sich aber bereits als Ballerino und Akrobat ausbilden. Was aber nicht hieß, dass ihm die bildende Kunst gleichgültig geworden war. Er suchte Anschluss an andere Bürger des russischen Reichs und musste in München daher auf Marianne von Werefkin und Alexej Jawlensky treffen. Der übrigens machte Sacharoff zu einer Bild-Berühmtheit. Mag er als Tänzer und Choreograph zu seiner Zeit noch so erfolgreich gewesen sein, heute ist er Bühnengeschichte. Aber das Gemälde von Jawlensky lebt so feurig wie eh und je: Ein androgynes Wesen mit kohlschwarzem Haar und flammenrotem Gewand blickt einem intensiv-lasziv in die Augen. Das Werk ist derzeit nicht zu sehen, da das Lenbachhaus wegen Umbaus geschlossen hat.

Dieser eigenartige Sacharoff war ein ideales Mal-Objekt. Und er selbst schloss sich der „Neuen Künstlervereinigung München“ an und später der Gruppe des „Blauen Reiters“. Sie war kunst-großherzig und stand allen Grenzgängern offen (wie Arnold Schönberg). Seinen ersten großen Auftritt hatte er aber nicht in einer Ausstellung in der Galerie Thannhauser, sondern 1910 im Königlichen Odeon. Er vertrat nicht das klassische Ballett, er prägte auf seine Art die Revolution der Bewegungskunst, den „Absoluten Tanz“. Schockte die einen, begeisterte die anderen. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs musste er als russischer Bürger in der Schweiz bleiben, wo er mit Clotilde von Derp gerade auf Gastspielreise war (Heirat 1919). Hier widmete er sich wieder der bildnerischen Kunst, allerdings auf die Bühne bezogen. Der komplett ausgeflippte Rokoko-Kostümentwurf, den man jetzt im Kunstbau bestaunen kann, ist für seine Choreographie „Pavane Royale“ (königlicher Schreittanz) entstanden; daneben die Bühnenbild-Konzepte für Ferruccio Busonis „Turandot“. Sie wurden nie verwirklicht.

In den Zwanzigern war die große Zeit von Alexander und Clotilde: Man war von New York bis Peking gefragt. Wie bei anderen auch wurde später für die beiden der Zweite Weltkrieg fast zur Katastrophe. Sie flohen nach Südamerika; die Trennung folgte. 1948 kam das Paar jedoch in Paris wieder zusammen, tanzte noch einmal und gründete schließlich eine Schule in Rom. Alexander Sacharoff starb 1963 in Italien.

Simone Dattenberger

Ausstellung:

bis 26. 9., Di.-So. 10-18 Uhr, Tel. 089/ 23 33 20 00, Katalog (Hirmer): 29,90 Euro.

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