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Mit genauem Blick hat Andreas Kuhnlein die antiken Skulpturen studiert, um sie in Holz nachzuzeichnen.

Ausstellung

Andreas Kuhnlein in der Glyptothek: Der Kettensägen-Künstler

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München - Für die Schau „Zerklüftete Antike“ hat Andreas Kuhnlein Skulpturen der Münchner Glyptothek in Holz nachgeschnitzt.

Ein lautloser Schrei gellt durch die Glyptothek. Die heiligen Hallen des weltberühmten Münchner Museums für antike Skulpturen scheint ein jäher Schmerz zu durchzucken. Denn da, wo sonst edle Einfalt und stille Größe regieren, hat sich ein schräger, bizarrer Akzent eingeschlichen: Zwischen den weißen Marmorbildern stehen locker verteilt große Holzfiguren, die löchrig und von tiefen Furchen durchzogen sind.

„Zerklüftete Antike“ heißt dementsprechend diese Ausstellung mit Werken von Andreas Kuhnlein. Geboren 1953 auf einem Bauernhof in Unterwössen (Landkreis Traunstein), ist der gelernte Schreiner, der nie eine Akademie besuchte, seit 1983 als freier Künstler erfolgreich. In 16 Ländern rund um den Globus sind seine bildhauerischen Werke anzutreffen, von den USA bis China.

Einen besseren Ort als die Glyptothek allerdings kann man sich für seine Ausstellung kaum vorstellen. Denn Kuhnlein schnitzt die antiken Statuen des Museums in Holz nach – aber nicht mit dem Messerchen, sondern gleich mit der Kettensäge. Dementsprechend expressiv fallen seine Werke aus, die dennoch in der Gesamtform, im Umriss den Marmorskulpturen überraschend ähneln, neben denen sie platziert sind. Doch gerade in dieser Begegnung wirken Kuhnleins Holzgötter umso erschreckender mit ihren zackigen Splittern, Rissen und Schrunden. Wie klaffende Wunden durchfurchen sie Schluchten, roh und zerklüftet ragen die Rücken, schrauben durchbrochene Leiber sich wie zerschunden empor.

Der Kontrast zwischen antiken Figuren und Holz-Torsie macht die Schau so spannend

„As Fragmentarische is hoit dees, was mi stark interessiert“, erklärte Kuhnlein bei der Präsentation der Ausstellung in seinem wunderbaren Chiemgauer Dialekt. Und tatsächlich ist es genau dieser Kontrast, der die Schau so spannend macht: Der idealistischen Harmonie der antiken Figuren steht die jähe Dissonanz der Holz-Torsi gegenüber, die unserem zersplitterten Bewusstsein, unserer heutigen Weltwahrnehmung viel mehr entspricht als jeder klassische Einklang.

Darauf hat bereits Friedrich Nietzsche vor gut 130 Jahren hingewiesen, als er feststellte, wir modernen Menschen sollten die antiken Skulpturen „eigentlich hässlich nennen“, und nur „die albernen ,Klassizisten‘ haben uns um alle Ehrlichkeit gebracht“.

Ein alberner Klassizist ist Kuhnlein also gewiss nicht, davor bewahrte ihn schon sein sehr konkretes Berufsleben: Bevor er geraume Zeit eine Landwirtschaft betrieb, war er in den Siebzigern als Polizist beim Bundesgrenzschutz und erlebte dabei heiße Anti-AKW-Demonstrationen ebenso wie die RAF-Fahndung. „Die Gewaltbereitschaft des Menschen den Menschen und der Natur gegenüber“, aber auch „die Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit“ unseres Daseins – das, aber nicht nur das, sind Erfahrungen, die in Kuhnleins Spalt- und Wunden-Ästhetik zum Ausdruck drängen.

Die überraschendste Erfahrung für den Betrachter ist freilich, wie Kuhnleins Werke offenbar zurückwirken auf die Exponate der Glyptothek. Während die sonst nämlich in ihrer entrückten, unverbindlichen Schönheit kalter Stein bleiben, gewinnen sie jetzt auf einmal die Ausstrahlung lebendiger Körperlichkeit, wenn man sich ihnen nähert. Als hätte der lautlose Schrei der Holzskulpturen ihre erstarrte Seele geweckt.

Bis 30. Oktober, tägl. außer Mo., 10–17 Uhr, Do. bis 20 Uhr; Telefon 089/ 28 61 00.

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