Schaukeln, wippen, rutschen

- Was ist das Leben doch für ein Zirkus! Der Reiche nimmt's schwer, und der Arme nimmt's leicht. Der Kluge verzweifelt daran, während dem Einfältigen ein Licht aufgeht. Und kaum tauscht der Zweite mit dem Ersten das Sakko, da kehrt sich flugs das Ungleichgewicht um - so scheint's - zwischen Schwermut und Leichtsinn.

<P class=MsoNormal>Manege frei auf der Bühne der Münchner Schauburg! Peter Ender kleidet "Leonce und Lena", Georg Büchners Lustspiel um die schöne Langeweile, in Kurzweilhosen. Im lustvollen Spiel rutschen, schaukeln, wippen die Schauspielerartisten; die Clowns vertauschen Hüte und spritzen Wasser aus Knopflöchern. Und hinten, auf dem umgestülpten Abfalleimer, balanciert die zauberhafte Lena mit Schirm.</P><P class=MsoNormal>Mittendrin aber jongliert ein Regisseur mit wohlbekannten Sätzen. Er behandelt Büchners zeitkritische Worte wie die Steine aus einem Baukasten der Lebensphilosophie, verrückt, verdoppelt, verdichtet sie zu einem Theaterabend, der hinter aller visuellen Spielerei doch schwerer ist, als er tut - ein kleines Täuschungskunststück im Theater der Jugend. Denn Ender vertraut dem Text seiner auf sechs Schauspieler reduzierten Inszenierung zumeist aufs Wort, bis hin zu "Schlagfluß" und "Nankinghosen".</P><P class=MsoNormal>"Wenn man nicht wüsste, dass sie bloße Pappdeckel sind, man könnte sie eigentlich zu Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft machen." Bitterbös präsentiert Büchner "die zwei weltberühmten Automaten" zur menschlichen Stellvertreter-Hochzeit. Da steht der intelligente kleine Mann entmündigt neben der lächerlichen Obrigkeit. Und das ist das eigentliche Kuriosum, die Attraktion in Stück- und Inszenierungszirkus: der denkende Mensch. In der Mitte der Bühne hat sich Tim Kalhammer-Loew als Zirkusdirektor König Peter aufgebaut, starrt unter einem Berg Haare nebst angegelter Stirnschmalzlocke höchst vergnüglich dümmlich auf den Knoten in seinem Schnupftuch. An etwas habe der ihn erinnern sollen, stellt er zufrieden fest - nur an was? Etwas abseits hockt ganz anders, doch nicht weniger grübelnd Sebastian Hofmüller als Prinz Leonce, gelähmt vom Müßiggang seiner Gedanken.</P><P class=MsoNormal>Leonce ist die ernsteste Figur der Inszenierung; selten gönnt ihm Ender ein Nachlassen an Leidenschaft und Gram. Nur als er mit Hussam Nimr - als leichtfüßigem Narrenfreund Valerio - auf der Wippe die Jacken tauscht, da glättet sich die sorgengefaltete Stirn auf einmal. Zum lebenslustigen Pendant von Tamara Hoerschelmanns Lena reicht es diesem Leonce jedoch nie: Gemeinsam mit ihrer altbackenen Gouvernante, Maren Schlüter, wischt Lena mit mädchenhafter Unbekümmertheit die Trübsal einfach fort.</P><P class=MsoNormal>In Enders Produktion ist die schönste und deutlichste Antwort die stumme. Sie liegt im vergnüglich variierten Weg am roten Vorhang und den im Rund sitzenden Zuschauern vorbei, über die Spielplatzgeräte und die kreisrunde Manegenplane (Bühne: Michael Ottopal) hinweg, welche blauwolkig den Himmel auf die Erde holt. Vor allem aber liegt sie im vielschichtigen Pantomimenspiel von Armin Schlagwein. Sein Hofmarschall ist der verkniffene Gefühlsteilnehmer ihrer Majestät, der brave Untertan par excellence, unter dessen korrektem Anzug es jedoch heftigst brodelt. O süßes Nichtstun? Von wegen! Für manchen wird in diesem bunten Königreich die Untätigkeit zur Qual.</P>

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