Schaulaufen der Formfantasie

- Eine grüne Kugel ist verbandelt mit der flammenroten Schrift "Jugend". Im Kugelkreis ein jugendfrisches Paar, Händchen haltend und zum Spitzmund-Bussi ansetzend. Hoffnung und Leidenschaft, Erotik und Unschuld verband Hans Christiansen in diesem Titelblatt für die "Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben", die Georg Hirth 1896 gegründet hatte und deren Name "Jugend" einer ganzen Stilrichtung zum Signet wurde.

<P>Der Münchner Jugendstil nimmt in dieser Bewegung, die Europa genauso erfasste wie die USA und mal Art Nouveau, mal Arts and Crafts heißt, eine Sonderstellung ein. Dieser fast einzigartigen Kunst-Stadtgeschichte - die sich nur noch einmal beim Blauen Reiter ereignete - widmet das München von 2004 endlich ein Museum. In der Villa Stuck trumpfen insbesondere die Sammlungen des Stadtmuseums auf. Von den fünf Ausstellungen, die unter dem Motto "München! Stadt des Jugendstils" im gesamten Künstler-Palais verteilt sind, bestückt es drei - Möbel, Textilien und weitere Objekte - fast komplett.<BR><BR>Zur damaligen Jahrhundertwende trafen sich in München Künstler aus aller Welt, aber auch Quereinsteiger, die ihre Kreativität ausprobieren wollten. Das recht liberale bayerische Klima, insbesondere in der Residenzstadt, lockte die Schöpferischen, die Inspiratoren und natürlich auch die Adabeis an. In dem übersichtlichen urbanen Gefilde traf man sich leicht, kannte sich schnell und konnte problemlos ein Projekt aufziehen - hier ein Zirkel für G'spinnerte, dort ganz reelle Institute wie die Debschitz-Schule oder die Vereinigten Werkstätten. Der Mensch, seine Umwelt und Kunst, das Leben als Ganzes sollten zum Gesamtkunstwerk werden. Das Gemälde war so wichtig wie der Küchenschemel, das Tischtuch so ernst zu nehmend wie ein Lied. <BR><BR>Diese kunstsinnige Atmosphäre, die das Neue, Freche forcierte, aber das Alte, Bewährte nicht vernachlässigte, saugte Hirth in seine "Jugend" und propagierte sie anschließend durch sie. Im Keller der Stuck-Villa bezeugen das Hunderte von Illustrationen aus der Zeitschrift (Schenkung Amé´lie Ziersch). Hier genießt der Betrachter einen Intensivkurs in Sachen Münchner Jugendstil. Es ist vor allem Lebenslust, die da sprüht - ein bissl frivol, ein bissl elegant, ein bissl leger. Die Künstler huldigen insbesondere den Frauen, der charmanten Münchnerin, die auf Pferd oder Radl, auf Tanzparkett oder Lese-Sofa durchaus eine Emanze ist. Aber es gibt auch den knorrigen Bismarck von Lenbach, baumstarke Flößer von Max Bernuth oder eine aufrührerische Eisenfaust von Julius Diez. Themen- und Stilvielfalt war gewünscht. Und die ließ sich ohnehin kein Künstler nehmen.<BR><BR>Schaumkrone auf dem Bücherregal </P><P>Das zeigen ebenso die Objektgestaltungen, ob Möbel, Textilien, ob andere Gegenstände des gehobenen Wohnkomforts. Das Interieur nimmt den größten Raum in der Villa ein - den ganzen Atelier-Trakt. Ein wenig steril, das Zusammenspiel in der Wohnung zu sehr aussparend, präsentiert das Museum die Möbel-Ensembles der Villa Obrist, des Hauses Thieme, Ideen von Richard Riemerschmid für die Weltausstellung oder von Henry van de Velde für den Bankier Wolf. </P><P>Trotzdem wird der Witz dieser Richtung etwa in August Endells Bücherregal deutlich, das nach oben hin in einer sich brechenden Schaumkrone ausläuft; trotzdem wird die Effizienz eines Riemerschmid klar, der den Schreibtisch perfekt in eine Zimmerecke fügt, den Benutzer quasi über Eck platziert und doch bequem sitzen lässt. Im Ganzen wie in den Details erkennt man, wie intensiv sich die Künstler mit Natur-, insbesondere mit botanischen Formen auseinander gesetzt haben. Diese werden nicht nachgeahmt, sondern in eine Ästhetik transformiert, die versucht, Funktion und Dekor, Pflicht und Spaß zu verschmelzen. <BR><BR>Das ist der innere Zusammenhang des Jugendstils, egal welche Ausformung der einzelne Gesamtkunsthandwerker bevorzugt, egal welches Material benutzt wird. Das illustriert das Panorama "Protagonisten des Münchner Jugendstils" im alten Teil der Villa besonders intensiv. Margarethe von Brauchitschs hinreißend schöne, blütenüberrieselte Tischdecke folgt diesem System genauso wie Gertraud von Schnellenbühels kraft- und schwungvoller Kandelaber oder Carl Georg von Reichenbachs poppige Glasvase - lila mit orangefarbenen Noppen, umfangen von schwarzen Glasfäden. Ergänzt wird dieses Schaulaufen der Formfantasie durch die französischen Gläser aus Nancy von É´mile Gallé´ oder den Brüdern Daum. <BR><BR>Das Jugendstilmuseum in der Stuck-Villa startet also opulent. Mit sehr vielen fremden Federn aus dem Stadtmuseum, aber mit einem eigenen großartigen Gehäuse, das die Idee des Lebens-Gesamtkunstwerks perfekt repräsentiert - vor allem wenn Franz von Stucks Haus im März 2005 fertig restauriert und zugänglich ist. Kulturpolitisch bemerkenswert ist, dass sich das Stadtmuseum die Schau hat stehlen lassen. Klar, Jugendstil passt bestens in die Villa Stuck, und Stadtmuseumschef Wolfgang Till musste wohl auf Druck des Kulturreferats kooperativ sein. Er ist indes vor allem seinem eigenen Haus verpflichtet und müsste dort mit allen - reichlich vorhandenen - Schätzen in die Offensive gehen. </P>

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