Schaulaufen der Nerze

- München verbirgt sich unter dichtem Nebel, als das Bayerische Staatsorchester - Mahlers dritte Symphonie im Gepäck - aufbricht Richtung Süden. 40 Minuten später: Mailand in vorweihnachtlichem Glitzer, und das bei 13 Grad plus! Über geschäftigen Einkaufsstraßen baumeln Heerscharen bunter Lichter-Nikoläuse. In feineren Seitenstraßen blinkt es aus dezenten Tannengirlanden, und in der noblen Galleria Vittorio Emmanuele tropft das Licht in zarten Ketten von den Balustraden, dazu funkelt ein riesiger Tannenbaum.

<P>Dolce e Gabbana trumpft an jeder Straßenecke mit theatralisch inszenierten Schaufenstern auf, in den Kaufhäusern wird der Kitsch mit soften White-Christmas-Tönen überzuckert.<BR><BR>Jubel für Mahlersdritte Symphonie</P><P>Dazu hat, fast schamhaft, "il duomo" seine Fassade verhüllt. Hier wird noch restauriert. Wer vom Dom durch die Galleria hinüberschlendert zum wohl berühmtesten Opernhaus der Welt, der ist wie stets ein wenig enttäuscht: Da liegt sie, La Scala, immer noch unscheinbarer als das Gärtnerplatztheater. Kein äußerlicher Putz, nichts Neues an der Fassade des 1776 von Giuseppe Piermarini entworfenen Theaters. Einzig der Bühnenturm und ein ellipsenförmiger Aufbau verraten nach außen, dass sich etwas getan hat im Innern. In den vergangenen drei Jahren wurde die Bühnentechnik auf den neuesten Stand gebracht, der Verwaltung ein Neubau gewährt und das Herzstück der Scala, ihr wunderbarer, mit sechs Rängen imponierender Zuschauerraum, aufs Feinste renoviert.<BR><BR>Prächtig präsentiert er sich im neuen satten "Rouge" der Sessel, goldverbrämt, hell strahlend. Mit edlem, Resonanz-freundlichem Parkett bietet der Saal eine erstklassige Akustik - klar und differenziert, nie spröde.<BR><BR>Nur ein paar Spiegel im Toscanini-Foyer, wo sogar die Computer-Kasse auf klassizistischen Säulchen thront, verbreiten mit sanft-blindem Schimmer einen Hauch von Patina, die sich das propere Haus erst einmal wieder zulegen muss.<BR><BR>Vor diesen Spiegeln zupften wohl schon die Damen vor Jahrzehnten ihre Roben zurecht, wenn die Pelze nach ergiebigem "Schaulaufen" abgelegt waren. Selbiges funktioniert auch beim großen Gala-Abend des Staatsorchesters, das die Ehre hat, in der Eröffnungswoche der "neuen" Scala und der Saison 2004/05 zu Gast zu sein, vorzüglich. <BR><BR>Nerze und Chinchillas zählt der deutsche, vom Tierschutz längst "animal correct" getrimmte Gast mit Staunen.<BR>Da kann München große Augen machen und selbst Salzburg nur erblassen. Die elegante Mailänder Gesellschaft marschiert auf zum Konzert mit Zubin Mehta. Neben dem London Symphony Orchestra unter Colin Davis, der Filarmonica della Scala, den Wiener Philharmonikern unter Riccardo Muti, dem Orchestre National de France mit Kurt Masur oder den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle gehört Mehtas Orchester zu den Auserwählten, die eine Serie von Benefiz-Konzerten spielen.<BR><BR>Die Bayern bestreiten ihr "Concerto straordinario" für die Zusammenarbeit der beiden medizinischen und pharmakologischen Wissenschafts-Institute Weizmann (Israel) und Negri (Italien). Und Zubin Mehta nützt vor dem Konzert die Chance, für Frieden und Eintracht zwischen Israel und Palästina einzutreten. Dann erst stürzt er sich mit dem Staatsorchester in Mahlers Welt, die dem italienischen Publikum eher fremd zu sein scheint. Nach etwa einer, von immenser Spannung getragenen Stunde - die altmodische Uhr überm Bühnenportal zeigt die Zeit - keimt erste Unruhe auf, ein paar Türen klappern. Doch Mehta, sein Orchester, der Frauen- und Kinderchor der Mailänder Scala und die ein dunkel-glühendes "Oh-Mensch"-Sehnen anstimmende Marjana Lipovsek lassen sich nicht irritieren.<BR><BR>Sie musizieren die sechs Sätze dieses Mahlerschen d-Moll-Weltentwurfs, mit dem sie im März in München, später auf Tournee begeisterten, auch in Mailand mit einer leidenschaftlichen Intensität. Mehta bändigt alle Heterogenität des Kopfsatzes souverän, mischt Eleganz und Trivialität bei und lässt die majestätischen Endlos-Steigerungen des Finalsatzes in faszinierenden Fortissimi explodieren. Kleine Blech-Nöte schwemmen die Streicher-Kollegen in sämig breitem Klangstrom weg.<BR><BR>"Zubin liebt die Musiker, die Menschen, mehr als den Erfolg", gestehen sie später lächelnd. Das Publikum spürt's. Kein Wunder, dass der Jubel nach dem letzten Ton sofort losplatzt.</P>

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