Schlimme Diagnose für Markus Maria Profitlich: „Will Erkrankung nicht verbergen“

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Den Schauplatz "vernagelt"

- Nun ist er doch noch in der Schweiz, doch noch am Vierwaldstätter See, am Rütli angekommen. An der Schiffsanlegestelle, von wo aus im sanften Aufstieg das Nationalheiligtum der Eidgenossen erreicht werden kann, empfängt die Besucher Friedrich Schiller höchst persönlich. Freilich nicht allein. Arm in Arm steht er majestätisch da mit Freund Johann Wolfgang Goethe. Als seien sie eigens vom Weimarer Denkmalsockel herabgestiegen, um dabei zu sein, wenn das Deutsche Nationaltheater Weimar an historischem Ort mit einer Inszenierung des "Wilhelm Tell" den 200. Jahrestag der Uraufführung dieses Schauspiels feiert. Aber natürlich handelt es sich nur um eine Kopie des gusseisernen Wahrzeichens. Die Dichter überlebensgroß als Grüßgottonkel an der Dampferstation. Ein bisschen mehr von diesem Dampf hätte die Aufführung da oben auf der Wiese gebrauchen können.

<P>Es ist die Attraktion dieses Sommers: "Wilhelm Tell" auf dem Rütli. Und so zog auch die Premiere allerlei Prominenz an: von Klaus Maria Brandauer, dessen Sohn die wirkungsvolle Bühnenmusik beigesteuert hat, bis zu Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der nach seinem Freispruch in Deutschland in seiner Schweizer Heimat Tells Geschoss offenbar nicht zu fürchten braucht.</P><P>Zum ersten Mal, dass das Rütli kulturell genutzt wird. Der Schweizer Stephan Märki, erfolgreicher Generalintendant des Nationaltheaters Weimar, der sich übrigens seine ersten theatralischen Sporen in München als Gründer des Team Theaters erwarb, hat das schier Unmögliche riskiert: das Stück, an das sich heute kaum noch ein Regisseur wagt, in einer modernen Neudeutung zu inszenieren - und das auch noch unter freiem Himmel. Der Premieren-Wettergott hat mitgespielt. Es lässt sich kein schönerer Abend denken, als beim Sonnenuntergang von der Zuschauertribüne auf der Rütliwiese, dem Ort des Gründungsschwurs der Schweiz, über das dramatische Geschehen hinweg auf den See und die gewaltige Bergkulisse zu schauen.</P><P>Was die Inszenierung selbst nicht leistet, macht die Natur, machen die Begleiterscheinungen des Theaterabends wett. Zu zaghaft nähert sich Regisseur Stephan Märki dem Drama. Dass er es fürs Freilichtspiel kürzen und straffen muss, ist logisch. Dass er es dabei zerfasert, anstatt es zu konzentrieren und zu akzentuieren, ist bedauerlich. Märki, beraten von Dramaturg Felix Ensslin, will Tell ganz zeitgemäß als den Einzelkämpfer, als den Rebell, der Terror als Sühne und Gewalt als moralische Notwendigkeit meint, herausstellen. Doch leider stellt er ihn in dieser Aufführung vor allem ins Abseits, platziert ihn viel zu oft an der Seite des Schauplatzes, wo sich eine Hütte befindet, deren Dach eifrig fürs Deklamieren programmatischer Schiller-Verse genutzt und bespielt wird; und auf dem am Ende die Armbrust im Scheinwerferlicht symbolische Verklärung erfährt. Das Dach ist auch der Platz, von dem Tell aus den bekannten Apfelschuss vollzieht. Viel zu weit weg vom Geschehen um Gesslers Hut. Doch damit es jeder mitbekommt, kullern gleich mehrere Granny Smith über die grüne Wiese . . .</P><P>In dem Naturalismus der Kulisse des Rütli scheut Märki den Realismus der geschriebenen Szenen und Figuren. Das führt zu mancherlei Unlogik und abstruser Zeichensetzung - wie eine immer wieder kehrende Choreographie der Volksszenen, die in unfreiwilliger Komik an eurhythmieartigen Wald- und Wiesen-Ausdruckstanz gemahnt. Daraus resultiert auch die zunächst eindrucksvolle skulpturale Gestaltung des Spielorts durch Günther Uecker. Mit 78 gespitzten Baumstämmen, der Anzahl der Kantone entsprechend gebündelt zu 26 Dreiergruppen und beschwert mit je einem gewaltigen Gesteinsbrocken in Form der Schweiz, hat der Bildhauer den Schauspielern die Szene sozusagen vernagelt. Ihnen kein Zentrum gelassen. Die Darsteller müssen irgendwie dazwischen agieren. Umso schwerer ist es für die Zuschauer auszumachen, wer was sagt; denn die Tonanlage macht hier akustisch alle gleich.</P><P>Dagegen kann sich eigentlich niemand behaupten. Auch nicht die als "Stars" zum Weimarer Ensemble dazu engagierten Schauspieler Roland Koch, der ein guter Tell wäre, wenn Märki und Uecker ihm nicht die Mitte genommen hätten, und Thomas Thieme, der seinen Gessler lustlos und allzu thüringisch herunterleiert. Der einzige, der sich von jeglicher Kunstabsicht erfrischend unverstellt durchsetzt, ist der achtjährige Johannes Martin, Tells Sohn. Seine Auftritte machen deutlich, was der Inszenierung fehlt: der Mut zu Naivität und Wahrhaftigkeit.</P><P>Aber es gibt ja noch den See, durch dessen Nachtschwärze die 2500 Zuschauer zurückschippern müssen. Ein Finale, das aus diesem "Wilhelm Tell" dann doch ein Erlebnis der besonderen Art macht.</P>Bis 29. August; Tel. 01805-10 14 14 oder www.ticketcorner.de

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