+
Zusammen mit Schauspielerin Noomi Rapace in Stieg Larssons „Millennium“-Trilogie, Teil 1 „Verblendung“.

Mikael Nyqvist mit 56 Jahren gestorben

Mikael Nyqvist: „Ich will das Publikum spüren“

  • schließen

Der schwedische Schauspieler Mikael Nyqvist ist tot. Er sei im Alter von 56 Jahren nach einem Kampf gegen Lungenkrebs gestorben, teilte seine Sprecherin Jenny Tversky mit. Beim vergangenen Münchner Krimifestival trafen wir den Schauspieler zum Interview zu seiner Serie „100 Code“. Wir sprachen mit ihm („Millenium“-Trilogie, „Wie im Himmel“) über die Faszination von Krimis und Kino.

Warum ist es für Zuschauer so faszinierend, Krimis anzuschauen? 

Mikael Nyqvist: Ich glaube, Krimis geben einem dieses erleichterte Gefühl, das man manchmal nach einem Albtraum hat. Du wachst auf und denkst: Oh, es war nur ein Traum. Du siehst Menschen Dinge tun, die man nicht tun darf. Krimis kitzeln ein bisschen die eigene Angst. Und legen offen, dass die Gesellschaft, in der wir leben, nicht wirklich so sauber ist, wie wir glauben. In Krimis geht es um Themen wie Vergewaltigung, Missbrauch, Mord. Etwas, vor dem man sonst die Augen gern verschließt.

Wie ist es, das zu spielen? Mögen Sie es, die dunklen Seiten eines Menschen kennenzulernen?

Nyqvist: Ja, und nicht nur vor der Kamera. Ich möchte auch im Privatleben immer den ganzen Menschen sehen. Ich mag keine Menschen, die lügen. Ich habe große Angst vor Leuten, die, wenn jemand ihnen etwas nimmt, scheinbar gleichgültig sagen: „Ach, im Leben geht es um Geben und Nehmen.“ Das macht mir Angst.

Warum?

Nyqvist: Weil ich weiß, dass sie lügen. Aber wenn jemand sagt: „Ich möchte den und den umbringen“, dann sag ich: Okay. Ich weiß, woran ich bin. Natürlich mag ich die Reaktion nicht, aber ich weiß, dass der Mensch ehrlich ist.

In „100 Code“ spielen Sie einen Polizisten, der in eine Sicherheitsfirma wechseln will und nur noch diesen einen Fall übernimmt. Warum haben Sie die Rolle angenommen?

Schauspieler Mikael Nyqvist und Merkur-Redakteurin Katja Kraft.

Nyqvist: Wegen der Komplexität der Charaktere. Es geht in der Geschichte um die beiden Ermittler auch viel um Schuld. Ein Gefühl, das jeder in sich trägt. Jeder hat schon einmal jemanden auf schlechte Art verlassen. Oder hat Kinder und denkt: Ich sollte mehr zu Hause sein. Darum geht es in gewisser Weise, um Schuld. Und um die Frage: Was passiert wirklich in der Welt? Sollte ich mich davor abschotten? Oder sollte ich mich damit auseinandersetzen?

Sie versuchen eher Letzteres?

Nyqvist: Ja, soweit es eben geht. Aber es ist besser, den ganzen Artikel zu verstehen und nicht nur die Überschrift zu lesen. Das Leben, das wir heute führen, ist so komplex – Kriege, die Flüchtlingssituation, diese Dinge. Doch bei all den großen politischen Fragen vergessen wir gern, dass es um Menschen geht. Auch in der Schauspielerei, ob vor der Kamera oder auf der Bühne, geht es immer um Menschen. 

Sind Serien die moderne Art, die Aufmerksamkeit des Publikums für solch große Themen zu erreichen?

Nyqvist: Die beste Art, die Leute zu erreichen, ist noch immer das Theater. Sie können ein Thema im Film angehen, aber die Menschen werden sagen: Es ist nur ein Film. Doch wenn die Zuschauer die Handlung in einem Raum mit den Darstellern erleben, dann können sie sich dem kaum entziehen. Als ich angefangen habe, war Film nicht so angesehen, da hieß es, die wirkliche Kunst finde auf der Bühne statt. Vor 15 Jahren war es dasselbe mit Fernsehen. Da hieß es, das sei keine richtige Filmkunst. Aber jetzt haben wir diese großartigen Serien, eine neue Kunstform. Wenn ich sehe, wie mein Sohn sich das auf dem Tablet anschaut, merke ich, wie viele Menschen die Serien erreichen. Aber Sie haben nicht mehr diesen hypnotischen Moment, wie Sie ihn im Kino oder im Theater haben.

Spielen Sie selbst also lieber auf der Bühne?

Nyqvist: Wenn du im selben Raum und in derselben Sekunde atmest wie das ganze Publikum, fühlst du dich wie ein Botschafter auf der Bühne. Das ist die stärkste Droge, die du einschmeißen kannst. Das hast du so nie vor der Kamera.

Unsere besten und wichtigsten Kultur-Geschichten posten wir auch auf der Facebookseite „Kultur aus München und der Welt - festgehalten vom Münchner Merkur“.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Zurück in die Zukunft
Berlin. Harrison Ford und Ryan Gosling stellen in Berlin Szenen ihres neuen Kinofilms „Blade Runner 2049“ vor.
Zurück in die Zukunft

Kommentare