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Tom Schilling ist am Sonntag mit seiner Band The Jazz Kids im Münchner Strom zu erleben.

Interview zum München-Konzert

Darum singt Tom Schilling jetzt

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München – Als Schauspieler muss sich Tom Schilling nicht mehr beweisen. Beim Dreh zu Jan Ole Gersters Film „Oh Boy“ lernte er 2012 die Jazz Kids kennen, damals für die Musik verantwortlich. Gemeinsam mit der Band hat Schilling nun neun eigene Songs und eine Coverversion aufgenommen. Sein Debütalbum „Vilnius“ stellt er jetzt in München vor.

Das Songschreiben haben Sie sich selbst beigebracht. Wie lief das ab?

Tom Schilling: Von meinem guten Freund Jan Ole Gerster habe ich mit Anfang 20 eine Gitarre geschenkt bekommen. Er sagte: „Probier das mal, das gefällt dir sicher.“ Damals hatte ich noch nicht drei Kinder und daher viel Freizeit neben meinem Beruf als Schauspieler. Ich fing an, mir Gitarre beizubringen, spielte „House of the rising Sun“ und solche Sachen. Schon davor hatte ich angefangen, Gedichte zu schreiben, manchmal ein bisschen peinliche, Liebesgedichte und so. Irgendwann habe ich festgestellt, dass das Songs sein könnten. Mit meinen rudimentären Möglichkeiten und Akkordfolgen, die ich mir von Leonard Cohen abgeschaut hatte, habe ich dann Gitarre dazu gespielt und merkte, das macht Spaß.

Was fasziniert Sie am Songschreiben?

Tom Schilling: Ich habe eine große Liebe zur Musik. Ich denke, dass wir die alle haben. Trotzdem muss man natürlich nicht gleich eine Platte aufnehmen. Bei mir kam dazu, dass ich auch eine große Liebe zum Wort besitze. Was ich an der Kunstform des Sängers so schätze, ist, dass sie das Literarische und das Vortragende verbindet. Schauspieler zu sein und Musiker zu sein, ist nicht so weit auseinander. Viele Leute beschweren sich darüber, dass Schauspieler Platten aufnehmen. Aber mein Gott: Früher wurde im Theater immer gesungen.

Bis aus Ihren ersten Songwriter-Versuchen ein ganzes Album wurde, hat es etwas gedauert.

Tom Schilling: Ich hatte es schon mal in einer anderen Konstellation probiert, in der es nicht geklappt hat. Damals hatte ich nicht die volle Verantwortung und machte  es  auch nicht mit einer Band. Es brauchte erst die Bekanntschaft mit den Jazz Kids. Da ist ein großes Vertrauen, da kann ich auch Quatsch machen, und da finde ich auch als Nicht-Musiker Gehör, der ich – man muss es sagen – technisch gesehen bin.

Viele Songs auf Ihrem Album sind sehr persönlich.

Tom Schilling: Musiker, die ich toll finde, wie Leonard Cohen oder Pete Doherty,  setzen sich alle selbst ins Zentrum. Sie benutzen sich als Knetmasse und ziehen aus ihrem Inneren Dinge, die vielleicht eine Projektion sind, in der sich das Publikum wiederfindet.

Das  Album ist ernsthaft und tief.

Tom Schilling: Ich weiß, dass es schwere Musik ist. Wenn man sich darauf einlässt, ist sie extrem vereinnahmend. Das ist vielen Menschen zu anstrengend. Aber es gibt vielleicht auch Leute, die genau das in der Popmusik vermissen.

Als Schauspieler haben Sie viel Erfahrung. Wie ist es aber, als Sänger auf einer Bühne zu stehen?

Tom Schilling: Es ist schwieriger. Du stehst vollkommen nackt da. Du musst den Abend mit dir selbst und aus dir selbst heraus füllen. Wenn du da eine Ablehnung erfährst, dann ist es auch eine persönliche Ablehnung.

Lesen Sie Kritiken?

Tom Schilling: Ich lese sie, weil ich zu neugierig bin. Was mich treibt, ist auch, etwas über mich selber herauszufinden. Das kann man am besten, wenn es gespiegelt und von außen betrachtet wird. Und wenn mich jemand total doof findet, ist da im Kern vielleicht manchmal etwas Wahres dran.

Warum wählten Sie ein Bild von Gerhard Richter als Albumcover?

Tom Schilling: Wenn ich derzeit moderne deutsche Popmusik höre, habe ich immer das Gefühl, es dauert keine fünf Jahre, und dann hat das einen ganz langen Bart. Ich wollte zeitlose Musik machen. Meine Musik ist ein bisschen altmodisch und kommt sehr klassisch daher. So war es auch beim Cover. Auf keinen Fall wollte ich, dass mein Gesicht drauf ist oder ein Bandfoto. Es war relativ schnell klar, dass ich gerne ein Seestück hätte. Ich fand, dass das meinen Gemütszustand und die Atmosphäre der Songs verbildlicht. Auf einer Ausstellung vor vielen Jahren hatte ich mal eines von Gerhard Richters Seestücken fotografiert und habe es seitdem auf meinem Telefon als Bildschirmschoner. Als ich mich dann für ein Cover entscheiden musste, habe ich gedacht, hier ist mein Cover doch schon die ganze Zeit.

Informationen zum München-Konzert

am 7. Mai, 21.30 Uhr, im Münchner Strom; 

Karten unter Telefon 089/ 54 81 81 81.

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