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„Das ist einfach absolut vorbildlich“: Ulrich Noethen als Fritz Bauer, der als hessischer Generalstaatsanwalt Anfang der Sechzigerjahre die Auschwitzprozesse initiierte.

Interview

Ulrich Noethen: „Recht ist nicht gleich Gerechtigkeit“

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Er kämpfte als hessischer Generalstaatsanwalt für die juristische Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen – Fritz Bauer (1903–1968). Die ARD setzt ihm mit dem Fernsehfilm „Die Akte General“ ein filmisches Denkmal. Ulrich Noethen (56) spielt den engagierten Juristen, der die Auschwitzprozesse ins Rollen brachte. Ein Gespräch über Recht und Gerechtigkeit.

Was war die größere Herausforderung für Sie, dass Schwäbeln oder das Kettenrauchen?

(Lacht.) „Schwäbeln“ klingt so despektierlich. Sagen wir deutliche Sprache mit sympathischer schwäbischer Färbung – und sie war für mich tatsächlich der Zugang zu dieser Figur. Als ich mir Tonbandaufnahmen von Fritz Bauer angehört habe, dachte ich: Das ist eine eigentümliche Art zu sprechen. Etwas abgehackt, ganz prägnant, starke Betonungen, das hat mich an Herbert Wehner erinnert. Oder auch an Wolfgang Schäuble. Da klingt eine gewisse Ungeduld mit, man merkt aber auch eine Leidenschaft und eine Klarheit des Gedankens, eine Bestimmtheit. Es ist sehr interessant, dem Mann zuzuhören, weil er so vom Herzen spricht. Und weil er es beherrscht, komplizierte Dinge einfach auszudrücken. Also: Die Sprache war nicht so schwer wie das ständige Rauchen – das hat während der Dreharbeiten seine Spuren hinterlassen.

Im Film wird auch das Thema Homosexualität gestreift. Es ist umstritten, ob Bauer homosexuell war. Der Film unterstellt, dass das stimmt.

Die dänische Polizei hatte Bauer im Exil wegen Homosexualität unter Beobachtung, das ist in den Akten. Die Frage ist nur, ob er es gelebt hat. Wir wollten dem nicht ausweichen, und Stephan Wagner, der Regisseur, hat gesagt: „Ich möchte dem Mann seine Sexualität nicht einfach wegnehmen.“ Nun beschäftigen wir uns nur insofern damit, als es seinen Gegnern später dazu diente, Bauer unter Druck zu setzen: Staatsanwalt und schwul – damals ein absolutes No-Go.

Sie haben selbst mal „kurz“ Jura studiert. Wie kurz war es denn?

Das war in Augsburg, drei Semester.

Und wieso haben Sie sich dann doch für die Schauspielerei entschieden und Jura Jura sein lassen?

Ich hatte mich vor dem Jura-Studium schon mal an einer Schauspielschule beworben und dann einen Rückzieher gemacht. Irgendwann kam dann aber der Punkt, an dem ich dachte: Du musst es versuchen mit der Schauspielerei, sonst sitzt du eines Tages hinter dem Schreibtisch und machst dir Vorwürfe, dass du es nie probiert hast.

Verliert man angesichts der Ungeheuerlichkeiten, mit denen sich Bauer befasste, nicht den Glauben an das Rechtssystem?

Nein, gar nicht. Ich denke, dass wir im Großen und Ganzen eine sehr gut arbeitende Justiz haben. Zwar: wo viel Licht, da auch viel Schatten. Aber ich bin sehr dankbar, in einem funktionierenden Rechtsstaat leben zu dürfen.

Aber wenn nun die falschen Leute an den wichtigen Positionen sitzen, wie im Film verdeutlicht?

Es gibt Öffentlichkeit, es gibt Kontrolle. Natürlich: Recht ist nicht das Gleiche wie Gerechtigkeit. Gerechtigkeit in seiner idealen Ausformung kann es nicht geben. Es ist ein mühsames Ringen, den widerstreitenden Interessen „gerecht“ zu werden.

Sind Sie auch so ein Gerechtigkeitskämpfer wie Fritz Bauer? Verstehen Sie ihn, der sich fast wie besessen dafür einsetzte?

Sie rücken das schon in die Nähe von Fanatismus, ich sage: Das ist einfach absolut vorbildlich, was er gemacht hat. Der hat gesagt: Ich leiste Widerstand. Es ist bewundernswert. Er hat hartnäckig für einen humanen Rechtsstaat gekämpft. Und sagte mal: „Wir können wunderbare Paragrafen schreiben, wir können die besten Grundgesetze festlegen – doch das nützt uns alles nichts, wenn wir nicht die Menschen haben, die diese Inhalte auch leben.“ Er hat zu denen gehört, die sich wirklich daran gehalten haben, die es gelebt haben. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, die mit den Verbrechen der Nazis stillschweigend solidarisch waren.

Sollte „Die Akte General“ ein Pflichtfilm für jeden Juristen sein?

(Lacht.) Ja, ich würde mir das wünschen. Wer Jura studiert, dem sollte der Name Fritz Bauer schon etwas sagen. Ich bedauere, dass ich während des Studiums mit dem Namen nicht bekannt gemacht wurde. Aber so sind eben Studiengänge: Erstmal wird das Handwerkszeug gelernt. Wie man dann damit umgeht, bleibt einem selbst überlassen.

Sie spielen derzeit auch im Kinofilm „Das Tagebuch der Anne Frank“ mit. Wünschen Sie sich nicht bei all den Unmenschlichkeiten, die auch in diesem Film Thema sind, manchmal wieder was Leichteres?

Insgesamt stimmt es, dass die Beschäftigung mit manchen Themen schon belastet. Wenn ich die Wahl hätte, einen Massenmörder zu spielen oder in einer Komödie, dann würde ich mich – natürlich abhängig vom Drehbuch – eher für die Komödie entscheiden. Weil es einfach angenehmer ist, sich mit dem Schönen, Leichten zu beschäftigen als mit den Abgründen.

Und wie begegnen Sie dem Vorwurf, dass es langsam mal reiche mit den vielen Filmen über den Nationalsozialismus?

Ich finde es gut und richtig, sich mit diesem dunklen Kapitel der deutschen Vergangenheit zu beschäftigen. Man darf nicht vergessen: Wenn das Ausland auf Deutschland schaut, dann schaut es mit einem gewissen Respekt und einer gewissen Hochachtung auf dieses Land, weil eben die Bundesrepublik eine Kultur des Erinnerns und des Aufarbeitens hat, an der sich viele ein Beispiel nehmen können. Ich sage nicht, dass alles ideal ist, und ich sage nicht, dass man da nicht mehr tun könnte. Aber man kann nicht sagen: Jetzt reicht es. Ich finde, das ist auch in der Verantwortung meiner Generation, das weiterzutragen. Die Barbarei der Nazis, so etwas darf nicht wieder passieren.

Das Gespräch führte

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