Schein des Seins

- Eine helle Erscheinung. Unerklärlich, plötzlich am nächtlichen Straßenrand auftauchend und so erschreckend, dass ein fast tödlicher Unfall provoziert wurde. Was genau es war, wird erst auf den letzten Seiten aufgeklärt. Mark, das Beinahe-Opfer, reißt das Steuer herum, überschlägt sich mit dem Transporter, kommt knapp mit dem Leben davon ­ auch wenn das nun ganz anders aussieht. Ein folgenschweres Hirntrauma: Die, die er liebt und braucht, erkennt er nicht mehr. Karin, seine Schwester, die seine Genesung vorantreibt, akzeptiert er nur als hilfsbereite Fremde ­ was diese noch in gesteigerte Selbstlosigkeit treibt.

Bestsellerautor mit philosophischen Ambitionen

Zum zweiten Mal, wie in seinem Bestseller "Der Klang der Zeit", erzählt Richard Powers das Schicksal von Geschwistern. Damals das eines Tenors und seines Klavierbegleiters, in dem sich Amerikas Geschichte des 20. Jahrhunderts spiegelte. Ein Buch, das überdeutlich die Insignien des "großen Romans" vor sich hertrug. In "Das Echo der Erinnerung", scheint Powers, der soeben dafür mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde, alles eine Nummer kleiner zu spielen. Die gewollte Wucht des Welterfolgs ist nun einer Verfeinerung der Mittel gewichen ­ allumfassende Themen lassen sich eben auch, das ist die Stärke von "Echo der Erinnerung", ohne Fanfarenstöße vorführen.

"Capgras-Syndrom" nennt die Neurobiologie Marks Zustand. Die Unfähigkeit, nicht nur die Schwester, den treuen Hund, bald auch die Freunde als "echt" zu akzeptieren, scheint frühere Ablehnungen zu entlarven, führt auch zu tiefer Verunsicherung: Könnte es nicht sein, so argwöhnt Mark, dass alles um ihn inszeniert wurde? Eine Kunstwelt, geschaffen aus unerklärlichen Gründen? Karin holt einen Experten, Gerald Weber, der sich in der perfekten Ehe sonnt. Eine Lichtgestalt, die in Marks Dunkel tritt. Ebenso wie Barbara, die Krankenschwester, die sich fast penetrant für den Patienten aufopfert. Bald wird klar, dass Marks Fall ein Katalysator ist. Ein Fall, der den Schein des Seins vorführt, der enthüllt, dass Barbara ein dunkles Geheimnis hat und Webers Leben durch die Konfrontation mit Marks Umfeld ins Wanken kommt.

Gewichtige Themen streift Powers: die Funktion und das Selektive von Erinnerung, die Frage, wie determiniert oder wie frei in seinen Entscheidungen der Mensch ist. Das philosophische Problem, was überhaupt als Realität gilt, wie abhängig alles ist von subjektiven Wahrnehmungen, wie relativ damit (Selbst-) Gewissheit sein kann. Virtuos ist, wie Powers all dies anhand von Marks Situation aufrollt. Wie er Türen zu Schauplätzen öffnet, neue "Helden" in den Mittelpunkt rückt und all das zu einer packenden Vielschichtigkeit verknüpft.

Dass er recherchiertes Wissen, hier das Spannungsfeld zwischen Neurobiologie und klassischer Verhaltenstherapie, gern über die Seiten wuchern lässt, war auch schon das Problem von "Klang der Zeit", der oft in die Speziallektüre von Musikfans glitt. Die Thematik freilich ist nun populärer ­ und seine literarische Umsetzung kaum zu fassen: Familiengeschichte? Krimi? Populärphilosophie? Wissenschaftsroman? Auf jeden Fall das neue starke Werk eines großen Erzählers.

Richard Powers: "Das Echo der Erinnerung". Aus dem Amerikanischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 532 Seiten; 19,90 Euro.

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