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„Richard lässt mich nicht los“: Der gebürtige Münchner Philipp Stölzl kürzt in Berlin Wagners „Rienzi“ auf einen zweieinhalbstündigen „Short Cut“ herunter.

Mit der Schere inszenieren

München - Sein Steckenpferd ist das Kino, doch jetzt will Philipp Stölzl ("Nordwand") auch im Opern-Geschäft durchstarten. Mit im Gepäck hat er eine Schwere. Richard Wagner muss sich in Acht nehmen.

So viel Deutschromantik haut selbst den konditionsstärksten Wagnerianer um. Rund sieben Stunden sollte ursprünglich „Rienzi“ dauern, was sogar Richard selig zu heftig erschien. Bei der Dresdner Uraufführung Anno 1842 wurde man schon nach sechs Stunden entlassen. Und 168 Jahre später? Bietet die Deutsche Oper Berlin gerade mal zweieinhalb Stunden, Premiere ist am kommenden Sonntag. Ein „Short Cut“, wie es der Regisseur formuliert. Und die Ausdrucksweise überrascht nicht: Philipp Stölzl bleibt, obwohl er bereits viermal für die Opernbühne arbeitete, ein Film-Mann. Zuletzt mit dem Bergsteiger-Epos „Nordwand“, demnächst mit „Goethe!“, einem „,Amadeus‘-artigen Ding“ (Stölzl).

Inzwischen hat sich der 1967 in München geborene Philipp Stölzl zu einem der bemerkenswertesten Filmemacher seiner Generation gemausert. Kultur ist dabei Familiensache – schließlich ist er Sohn von Christoph Stölzl, dem früheren Chef des Münchner Stadtmuseums, späteren Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums in Berlin und zeitweiligem Vorsitzenden der Hauptstadt-CDU.

In Schubladen lässt sich Philipp Stölzl nicht sperren. Er drehte Musikvideos für Madonna, Pavarotti und Westernhagen, verdiente einige Euros mit Werbefilmen unter anderem für Nokia und BMW, war Ausstatter an den Münchner Kammerspielen und fand 2005 in Meiningen zur Oper: Webers „Freischütz“ inszenierte er als Schwarz-Weiß-Thriller mit humoristischer Distanz à la Edgar Wallace. Die Intendanten merkten auf – zwei Jahre später folgte schon das Debüt in Salzburg mit Berlioz „Benvenuto Cellini“ als kurzweilige Ausstattungsschlacht.

Der wahre Bergfilmer: Szene aus Philipp Stölzls Eiger-Opus „Nordwand“ mit Benno Fürmann.

„Man bekommt immer schnell so ’n Stempel aufgedrückt“, sagt Stölzl. „Bei mir heißt es: Der ist ein bisschen düster drauf und kann mit Massen umgehen.“ Wobei er schon einräumt, dass er ein Faible fürs Pathos hat: „Naja, ich liebe halt die schwereren, dringlicheren Geschichten.“ Keine schlechten Voraussetzungen für Wagners „Rienzi“ über den römischen Tribun, der den Adel bekämpft, später, auch aus Selbstüberschätzung, sich immer mehr Feinde macht und am Ende im brennenden Kapitol stirbt.

Im Gegensatz zu Wagners späteren Musikdramen schaffte es „Rienzi“ nie ins Repertoire, die Deutsche Oper Berlin versucht nun einen neuen Rettungsversuch – und ließ ausgerechnet jemanden ins Haus, der den Koloss erst einmal ordentlich zauste. „Ich als Filmer weiß einfach, wie viel noch im Schnitt passiert“, meint Stölzl ironisch. Doch die Sache hat einen ernsten Hintergrund. Der ist so ernst, dass sich nicht nur Puristen vor Schmerzen winden dürften: Stölzl betrachtet Partituren nicht als in Marmor gemeißelt, sondern eher als vorläufiges Ergebnis.

„Ich würde in vielen Fällen für eine Verdichtung plädieren“, sagt Stölzl. „Es ist falsch, das musikalische Material als Dogma zu sehen. Ich sehe Oper als lebendiges Material.“ Ein Zerstörer also? Ein Kunst-Fledderer? Einer jener Verdächtigen, die Oper nur zur Selbstverwirklichung missbrauchen? Dazu passt Stölzls Credo, dazu passt auch seine Ästhetik so ganz und gar nicht. Seine Inszenierungen sind – ob’s nun mal besser oder mal schlechter klappt – nie Kopfgeburten.

Stölzl zielt auf gut gemachte, gedanklich unterfütterte Unterhaltung. Wenn er die Kürzungsschere in die Hand nimmt, dann auch deshalb, um das Werk heutigen Erlebnisgewohnheiten anzupassen: „Die Oper muss einem jüngeren Publikum geöffnet werden. Ich hasse es ja auch, wenn ich nix kapiere und dafür lauter Fernseher oder Raketen auf der Bühne herumstehen. Ich will einen Opernabend, bei dem ich in jeder Sekunde emotional gefesselt bin.“ Was für ihn bedeutet: Die Drehbücher von Wagner, Verdi & Co. brauchen im 21. Jahrhundert eben kleine Korrekturen.

Wer um seine „Rienzi“-Hits bangt, sei beruhigt

Wer nun um seine „Rienzi“-Hits bangt, sei beruhigt: Die Ouvertüre und das berühmte Gebet bleiben von Stölzl verschont. Und auch seine Hintergrundgedanken lassen auf eine kritische Auseinandersetzung mit dem Stoff schließen. Mussolini, Stalin, auch Orwells „1984“ kommen Stölzl in den Sinn, wenn er an „Rienzi“ denkt. Ein Stück über „große Diktatoren und die Verführbarkeit der Massen“, bei dem Anno 2010 auch der Ort der Inszenierung mitschwinge. „Dazu muss ich mir nur die Deutsche Oper an der Bismarckstraße ansehen“, sagt Stölzl. „Diese Lage an der großen Ost-West-Tangente, bei der ich mir denke: Dort hinten wäre wohl die ,Große Halle‘ von Hitlers Architekt Albert Speer entstanden.“ Überdies sei ja dem Hauptstadt-Publikum einiges zuzumuten: „Die Berliner sind ganz gut eingeritten, die sind einiges gewohnt.“

Doch auch wenn der Regisseur gerade in Sachen Oper einen Lauf hat und für Wagners „Fliegenden Holländer“ in Basel hymnische Reaktionen erntete: Oper bleibt für Philipp Stölzl der Ausnahmefall. Nur einmal pro Jahr will er seine Filmarbeit beiseitelegen. Im Oktober 2010 ist er für eine „Fledermaus“ in Stuttgart gebucht, ansonsten nimmt ihn sein Goethe-Film in Beschlag, für den er neben Alexander Fehling als Dichter noch Moritz Bleibtreu, Henry Hübchen und Hans-Michael Rehberg gewinnen konnte. Doch die Musik spielt weiterhin eine gewichtige Rolle: „2013 ist schließlich Wagner-Jahr, da schwirren schon Film-Pläne durch mein Hirn. Der Richard lässt mich eben nicht los.“

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