Mit der Schere in die Kunstgeschichte

Düsseldorf - Ihre Position in der deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts hat sich Hannah Höch mit der Schere erobert: Die Künstlerin, einzige Frau unter den Protagonisten der Berliner Dada-Bewegung um 1920, ist Schöpferin oft grotesker Fotocollagen auf der Grenzlinie zwischen Komik und surrealer Abgründigkeit. Ihre Werke sind bis zum 10. April in Düsseldorf zu sehen.

Das viel facettenreichere Lebenswerk der Dada-Dame (1889-1978) aus rund 60 Schaffensjahren breitet von Dienstag an (bis 10. April) die Düsseldorfer Galerie Remmert und Barth aus. Die museumswürdige Werkschau der selten, aber dennoch international präsentierten Künstlerin zeigt etwa 130 Zeichnungen, Grafiken, Gemälde und eine Reihe ihrer Montagen zwischen Konstruktivismus und Expressionismus, Neuer Sachlichkeit und abstrakten Bildfindungen.

Die Düsseldorfer Präsentation "Die fantastische Welt der Hannah Höch" ist damit Dokument eines künstlerischen Freiheitswillens, der für die Mitstreiterin der Dada-Größen Raoul Hausmann oder Kurt Schwitters nicht gerade karrierefördernd war. Dem provokanten Dadaismus, auf den sie zu ihrem großen Ärger zeitlebens festgelegt wurde, entsprangen Montagen wie die winzigen "Freundinnen" (um 1930) mit Bubikopf oder "Die Fröhliche" (1943) als bedrohliche Traumszene eines starräugen Nachtvogels mit rudernden Baby-Ärmchen.

"Sie hat sich nie um einen Stil gekümmert sondern immer das gemacht, was sie bewegt hat", schildert Galerist Herbert Remmert, der die hochbetagte Künstlerin noch in ihrem "Exil" in Berlin-Heiligensee getroffen hat und ihre Werke zu Preisen von wenigen hundert Euro bis zu 68000 Euro anbietet.

Der kleine Linolschnitt "Rot im Zentrum" erscheint wie aus Scherben gefügt und zeigt die Bürgerstochter aus Gotha 1915 auf der Höhe des Expressionismus. Mit dem schon 1920 in Berlin ausgestellten Aquarell "Gelbe Bahn" (1919) oder einer geometrisierenden Tuschzeichnung von 1922überrascht Höch als strenge Konstruktivistin; diesem Stil ist sie auch noch im Spätwerk "Statik", einem um 1955 entstandenen Ölgemälde, treu.

Beklemmende Motive wie "Pflanzen bei Regen" (1931) lassen kommendes Unheil ahnen, das in dem an Carl Hofer erinnernde Ölbild "Angst" (1936) sehr deutlich sichtbar wird. Aus den 1960er Jahren stammen Fotomontagen, in denen Hannah Höch die Welt der Gegenständlichkeit weit hinter sich gelassen hat und auf die Farbe vertrauend ("Blau-Grün"/1966) zur reinen "Malerin" mit der Schere geworden ist.

Noch bis zum 4. Mai zeigt auch das Museum Tinguely in Basel eine Ausstellung unter dem Titel "Hannah Höch - Aller Anfang ist Dada".

(Internet: www.remmertundbarth.de und www.tinguely.ch)

dpa

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