Scherz und Poesie

- Im Grunde sind wir doch alle hochgradige Nostalgies. Im Herbst 2003 waren Max Raabe & Palastorchester mit ihrer "Palast Revue" in München durchgehend ausverkauft. Und das wird auch diesmal nicht anders sein. Das Publikum im Deutschen Theater in euphorisch gestimmter Erwartung all dieser Oldies von Capri-Fischern und Herzenbrechern.Was hat dieser schlanke Typ im Frack mit dem spiegelglatten Haarschnitt, dass man ihm stundenlang zuhören möchte? Er beherrscht eine Vortragskunst, die den Schlager zur brillanten Varieténummer adelt.

<P>Und eine distanzierende Ironie, die dieser so genannten leichten Unterhaltung nicht ihren Wert nimmt. Bei Raabe muss man nicht erröten, wenn man der eigenen sentimentalischen Nostalgie nachgibt.<BR><BR>Außerdem setzt der Bariton mit dem nasal rollenden "r" vergangener phonetischer Moden schon in der Auswahl seiner Nummern anti-sentimentale Akzente: zwischen schmachtendem "Bel Ami" und Robert Stolzens orientalisch glühendem "Salomé" piekst der "kleine grüne Kaktus" und hat sogar der "Gorilla 'ne Villa im Zoo". Verrückte vergnügungssüchtige 20er-, jazzige 40er-Jahre, die Raabe, mit schrägen Geschichtchen und eleganter Allüre sein eigener blendender Conférencier, in stilvoller Inszenierung evoziert.<BR>Blutjunge Girls geben tänzelnd das charmante Revue-Accessoire. </P><P>Und zwischen den Dächern von New York darf das Orchester auch mal saftig jazzen: Vollblutmusiker, die den gepflegten Unterhaltungston bedienen, aber auch jeden Spaß, ob in bayerischen Lederhosen, mit Pappgondeln um den Bauch oder mit Schweinsrüsseln auf der Nase, lustvoll clownesk mitmachen. Raabe und seine "Palast-Mannen" sind hochtrainiert in der Kunst, zwischen Scherz und zarter Poesie zu balancieren. Ein wunderschöner Moment, wenn Raabe und drei Musiker "Liebling, mein Herz lässt dich grüßen" intonieren. Da wird der Schlager doch noch zum eindringlichen Lied.</P><P>Bis Oktober. <BR>Karten 089/55 23 44 44.</P>

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