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Grandioses „Così“-Ensemble:  Von link  Miah Persson (Fiordiligi), Florian Boesch (Guglielmo), Bo Skovhus ( Don Alfonso), Topi Lehtipuu (Ferrando) und Isabel Leonard (Dorabella).

Salzburger Festspiele

Schickis im Wunderwald

Salzburg - Bejubelte Premiere: Claus Guth inszenierte Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Così fan tutte“

Draußen am Mond-, Waller- oder Wolfgangsee. Schifferl fahren, Steinderl werfen, im Gras liegen, eng aneinander geschmiegt. Ein Sommersonnenidyll. So schön. Und so blass. Weil es nur noch als Videoprojektion über die gestylte Wohnhalle flimmert, wo eine Flaschenparade Party-Endzeitstimmung verbreitet. Schwer verkatert sind sie alle. Aber noch (oder endlich) so klar im Kopf, dass es bei den Herren für die fatale Frauenprüfwette langt. Demnach alles nur eine Promillelaune?

Die Handlung:

Don Alfonso weckt in Ferrando und Guglielmo Zweifel an der Treue ihrer Geliebten. Er schlägt beiden eine Wette vor und will ihnen mit Hilfe von Despina beweisen, dass Fiordiligi und Dorabella nicht so standhaft sind, wie sie behaupten. Ferrando und Guglielmo kehren verkleidet zurück, um die jeweils andere zu verführen. Brüsk weisen die Frauen das zunächst zurück. Doch sie werden weich. Fiordiligi und Dorabella willigen sogar in eine vermeintliche Hochzeit ein. Da wird alles aufgeklärt – die Schwestern erkennen den Verrat.

Seit der Uraufführung von Mozarts „Così fan tutte“ zerbricht man sich ja den Kopf darüber: Erkennen die Frauen ihre verkleideten Liebsten? Ist der Trug wirklich perfekt? Fragen, die sich jedoch nur stellen, wenn alles als Realismus begriffen wird, wo jeder Szenenfortgang nach Begründung schreit. Genau hier entschlüpft Regisseur Claus Guth bei seiner fast Buh-frei bejubelten Festspiel-Premiere durchs Salzburger Hintertürl. Die Kollegen mögen auf einer Ebene mit den Opernfiguren Beweggründe und Befindlichkeiten verhandeln – Guth bleibt ein Mann der Draufschau. Ein Stratege, der sein Personal auf dem Psycho-Spielbrett umherschiebt, ihm dabei aber oft Individuelles vorenthält – man nehme nur Bayreuths „Holländer“ oder Münchens „Luisa Miller“.

Letzteres ist im Salzburger Haus für Mozart nicht passiert. Weil dort ein gutes bis grandioses Ensemble das Konzept eingeatmet zu haben scheint. Und vor allem, weil Guth anfangs eine Wirklichkeit schildert, die so spannend wie unmerklich ins surreale Experiment driftet. Die afrikanischen Fruchtbarkeitsmasken, die Ferrando und Guglielmo anfangs zum weißen Anzug tragen, sind später nicht mehr nötig. Auf ein Zeichen Don Alfonsos, des allgegenwärtigen Smoking-Dämons, heben sich die Wände – und in die keimfreie Villa dringt jener Wunderwald herein, den man in Salzburg kennt. Es ist der amouröse Spielplatz von Guths letztjährigem „Don Giovanni“. Ein Zauberort, durch den nun die Schickis der „Così“ irren, in dem es vielsagend Baumsamen regnet, in denen die Liebsten als Visionen erscheinen und wo alles möglich ist. „Was soll die Maskerade?“, fragt Dorabella irgendwann – da haben sich die Herren längst bis zur Kenntlichkeit zurückverwandelt.

Die Besetzung:

Dirigent: Adam Fischer. Regie: Claus Guth. Bühne: Christian Schmidt. Kostüme: Anna Sofie Tuma. Video: Alex Buresch, Kai Ehlers. Choreographie: Ramses Sigl. Chöre: Thomas Lang. Darsteller: Miah Persson (Fiordiligi), Isabel Leonard (Dorabella), Topi Lehtipuu (Ferrando), Florian Boesch (Guglielmo), Bo Skovhus (Don Alfonso), Patricia Petibon (Despina).

Dass in solchen genau gezirkelten Aufführungen das Ensemble alles zählt, eine vielleicht nur annehmbar gemeisterte Arie weniger, kommt manchem zugute. Topi Lehtipuu etwa, dessen feingliedriger Tenor in manch großbogiger Ferrando-Phrase an Grenzen stößt. Florian Boesch (Guglielmo), auch vokal eher der Naturbursch, ist das passende Gegenstück. Miah Persson (Fiordiligi) meidet die vokale Attacke, umschifft knifflige Intervallkaskaden mit vorsichtig heruntergedimmtem, dennoch apart herbem Sopran. Und Bo Skovhus, vom Guglielmo zum Alfonso gealtert, findet sich hier gut zurecht: mephistophelischer Entertainer, die Rolle steht ihm perfekt.

Richtig festspielwürdig? Da bleiben unterm Strich nur zwei. Zum einen Patricia Petibon, der vokal so gut wie alles zur Verfügung steht – was sie Hörer und Kollegen inklusive beherzt nach oben oktavierter Piepslage auch spüren lässt. Eine Despina, die als coole Motorradbraut wie als Kleiderschrank-plünderndes Model absahnt. Dass ein ganzes Drama in einer Arie, in einer Phrase, manchmal sogar nur in einem verschattet gesungenen Wort zusammenfließen kann, führt Isabel Leonard als Dorabella vor. Eine Tragödin, bei der der „Così“-Konflikt gleichsam implodiert. Und eine große Mozart-Stilistin, die mit gehaltvollem Mezzo würdig jene Christa Ludwig-Brigitte Fassbaender-Agnes Baltsa-Reihe fortsetzt, von der das Programmheft so einschüchternd kündet.

Auch mit den gern vorlauten Wiener Philharmonikern kommt Isabel Leonard bestens zurecht. Dass die gelegentlich das befolgen, was Adam Fischer auswendig (!) und mit temperamentvoller Zeichengebung von ihnen verlangt, dürfte allerhöchster Gunstbeweis sein. Fischer lässt mit hoher Pulsfrequenz spielen. Hier eine vorwitzige Bläserstelle, dort eine ahnungsvolle Phrasierung, dann wieder Guglielmos „Non siate ritrosi“ von gefährlich schleichender Langsamkeit – fürs Gütesiegel „Mozart-Interpretation“ reicht das nicht ganz, ist aber wohl das Optimum, was sich mit zwei, drei Proben so anstellen lässt.

Da ist das auf der Bühne schon vielschichtiger gearbeitet. Obgleich sich Guth mit seiner Traumwelt, die nach der Pause an Intensität einbüßt, angreifbar macht. Von der irritierenden Substanz des Stücks transportiert der Abend dennoch eine Überdosis. Ob nicht doch die anderen zusammengehören, ob nicht der Wille zum Neuen stärker sein müsste als das (vergebliche) Zimmern an der Beziehungskiste? Beunruhigend deutlich dräut die Frage überm Schlussbild, in dem es immer wieder die „falschen“ Paare zusammentreibt. Die Antwort darauf allerdings, die erlebt man wohl lieber nur in Opernhäusern.

Weitere Vorstellungen:

3., 7., 11., 15., 17., 21., 23., 26.8.;

Tel. 0043/662/8045-500.

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