Schicksal eines Lebensraums

- Der Stadtrat hat in letzter Zeit häufig am Münchner Stadtmuseum herumgenörgelt, zu wenig präzise schien die Ausrichtung dieses Hauses der verschiedenen Sammlungen; die Geschichte unseres Gemeinwesens komme kaum zur Geltung. Mit der Ausstellung "München wie geplant 1158 bis 2008" - Konzept Gerhard Gross - hat das Referat für Stadtplanung und Bauordnung dem Museum aus der Patsche geholfen. Man kann nun eine "Historie" vorweisen und will darauf aufbauen, aber, so Museumschef Wolfgang Till, die Eigenart der Vielfalt wolle man dennoch nicht aufgeben. Vier Jahre vor dem 850. Stadtgründungstag hat man mit dem Planungsreferat und dem Stadtarchiv die aktuelle Schau entwickelt.

<P>München wird bei Umfragen stets als äußerst beliebt eingestuft. Auch darauf will die Präsentation eine Antwort geben. Die wohl heißt: Trotz Großstadtdynamik blieb München in der Tradition verwurzelt und hat daher seine Individualität erhalten. Die relativ kompakte Urbanität macht die Stadt darüber hinaus für ihre Bewohner zum bequemen Lebensraum. Die Ausstellungsmacher sprechen vom "Typus der europäischen Stadt". <BR><BR>Zur Stadtentwicklung gehören diejenigen, die prägend daran mitgewirkt haben, wobei in der Exposition vor allem Herrscher, Architekten, Unternehmer und Wissenschaftler herausgegriffen werden. Die soziologische Gemengelage, die der lebende Organismus Kommune ist, wird nicht erläutert. Nur einmal wird das "Volk" erwähnt, und zwar als es in den 60er- und 70er-Jahren gegen die die Zersetzung von Wohnquartieren durch eine gnadenlos autogerechte Konzeption und Gewerbenutzung aufbegehrte. Verschämt deutet die Schau an, dass Politik und Verwaltung im Ringen mit dem Kapital und seinen manchmal unvernünftigen Ansprüchen nicht immer gute Figur machen. Wer kennt die vielen öden und nun leer stehenden Bürokomplexe nicht? Das aktuelle Problem Hochhausbau wird ebenfalls lediglich gestreift.<BR><BR>Da ist der Blick in die Vergangenheit schon angenehmer. Heinrich der Löwe boxte die Vorrangstellung Münchens gegen Freising 1158 durch. Rückschläge verhinderten den Aufstieg nicht. Die Befestigungen mussten immer wieder erweitert werden. Pläne und Gemälde bezaubern mit Altmünchner Flair. 1806, als Bayern zum Königreich erhoben wurde, gab man die Befestigungswälle auf, konzipierte neue Siedlungsflächen und repräsentative urbane Räume für die Residenzstadt. Ludwig- und Maximilianstraße sind dafür Paradebeispiele. Im 19. Jahrhundert explodierte die Stadt. Industrialisierung, Eisenbahn, Elektrifizierung und andere technische Erfindungen schufen neue Perspektiven und Möglichkeiten. Die Mobilität bedeutete zum Beispiel, dass weiter draußen Wohnraum entstehen konnte, etwa Neu-Pasing. <BR><BR>Wie vieles andere kann ein überlebenswichtiges Thema wie Hygiene nur gestreift werden. Max von Pettenkofers Erkenntnisse über den Zusammenhang von Verschmutzung und Seuchen revolutionierte das kommunale Zusammenleben. Das unsichtbare Bauwerk Kanalisation wurde zum bedeutenden Daseins-Fundament der Stadt. Diese wurde im 20. Jahrhundert nicht durch Pest und Cholera, sondern durch die Nazis fast ausradiert. Auch ihnen ist eine Ausstellungs-Station gewidmet. Immer wieder waren Entwürfe zur Stadtentwicklung angeregt und diskutiert worden. So auch im "Dritten Reich": Diese Konzepte bewegten sich zwischen "rein arischer" Siedlung, Zwangsarbeiterlagern, Kasernen und Protz-Ideen. Das Modell der "Achse" (auf dem Bahngelände) wird, unter Glas versenkt, gezeigt genauso wie die Kopie des Sandtner'schen Modells von 1570 (Original im Nationalmuseum) und das ausgedehntere von 2000. <BR><BR>70 Prozent der Altstadt, insgesamt im Schnitt 45 Prozent Münchens waren nach dem Krieg zerstört. Der Wiederaufbau, der eben keine radikale Modernisierung vorsah, ist als "Münchner Weg" bekannt. Trotzdem wurden Fehlentscheidungen getroffen wie die Schneise für den Altstadtring durch ein intaktes Wohnviertel. "München wie geplant" beweist also, wie wichtig es ist, wachsam das Wachstum der eigenen Stadt zu beobachten und aus Fehlern zu lernen.</P><P>Bis 30. Januar 2005, Tel. 089/ 23 32 23 70.<BR><BR></P>

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