Schicksal geraubter Bilder

München - In Münchner Obhut lagern nun die am 18. Juli bei dem Bamberger Händler Matthias Wenzel konfiszierten vier Tafeln eines Marienaltars aus der Werkstatt Lukas Cranach d. Ä. (ehemals in der Pfarrkirche des Dorfes Klieken bei Dessau; wir berichteten): zum Zweck intensiver Ermittlungen durch das Landeskriminalamt (LKA).

Gestohlen wurden sie in Klieken in der Nacht zum 17. Mai 1980. Wie die in München erscheinende Zeitschrift "Weltkunst" in ihrer neuen Ausgabe berichtet, blieben die zu vier Einzelgemälden getrennten Altarflügel bis zur Grenzöffnung von 1989 verschwunden. Noch im Dezember 1989 gelangten sie nach Bamberg, dienten 16 Jahre lang einer Dame als Türen eines Bauernschrankes, gingen wohl durch weitere Hände und wurden am 25. November 2006 mit einer Schätzung von 8000 Euro bei der Bamberger Auktionsfirma des Ehepaars Richter und Kafitz für netto etwa 11 000 Euro an die beiden Bamberger Händler Walter Senger und Matthias Wenzel versteigert.

Nach der gebotenen Restaurierung und Einsichtnahme in die Fachliteratur einigte man sich mit den angeblich zu Rate gezogenen Experten auf die Deklaration: "Wittenberg, Werkstatt Lucas Cranachs d. Ä., um 1515. Öl/Tempera auf Holz, ca. 107 x 97 cm (mit Rahmen)" - und auf einen Preis von etwas über 100 000 Euro. Zur jährlich während der Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele stattfindenden "Bamberger Antiquitätenwochen" wurden die Werke fleißig beworben.

Zur selben Zeit, als diese Verkaufswerbungen einschlägig auch per E-Mail und Internet weltweit verbreitet wurden, fehlten alle vier Tafeln bereits in Wenzels Schaufenstern des Bamberger Altstadthauses Karolinenstraße 16: ersatzlos, ohne Hinweis auf die Umstände.

Denn am 17. Juli durchwanderte der Münchner Kunsthistoriker Johannes Erichsen, langjährig bewährter Ausstellungsleiter des Hauses der Bayerischen Geschichte und seitdem Chef aller Museen und Sammlungen der Bayerischen Verwaltung der Staatlichen Schlösser, Gärten und Seen, die Bamberger Altstadt und sah die Tafeln. Noch am selben Abend forschte Erichsen in seinem privaten Archiv - und am folgenden Tag setzte er die Kunstfahnder des Münchner LKA in Marsch. Erichsen hatte bereits vor Jahrzehnten die Kliekener Diebstahlswitterung samt Cranach-Verdacht aufgenommen.

Der Raub ist jedoch verjährt. Die DDR-Behörden scheinen ihn kaum untersucht zu haben. Zwischen dem 17. Mai 1980 bis zur Wende gibt es keine Spur. Heute geht es um die Frage des Eigentums: Muss die Pfarrgemeinde von Klieken ihre Hoffnungen aufgeben, ihren fragmentierten Altaraufsatz, an dessen Seiten noch die eisernen Scharniere zu sehen sind, wieder komplettieren zu können? In der Landeskirche Sachsen-Anhalt ist man zuversichtlich. Auch die Bamberger Händler Wenzel und Senger werden ihre Ansprüche geltend machen - ihre Kosten und den entgangenen Gewinn.

Schließlich handelten sie "guten Glaubens" (bona fide). Eine Kenntnis des nächtlichen Diebstahls vom Mai 1980 ist ihnen nicht nachzuweisen. Zu Gunsten ihrer Zwangsvorstellung vom sauberen Staat vermieden die DDR-Behörden alle Veröffentlichungen krimineller Handlungen im Land. Das international agierende "Art Loss Register", die weltweit umfangreichste private Datenbank zur Aufklärung von Kunst- und Antiquitätendiebstahl, übt seine segensreiche Tätigkeit erst seit 1991 aus - jeweils mit einem Stand auch auf der Münchner Kunstmesse im Oktober.

Die Münchner Ermittler rechnen jetzt mit einem Zivilverfahren durchaus komplizierter Art. Der Kliekener Dorfpfarrer, Dankmar Pahlings, hält sich einstweilen bedeckt. Zu wessen Nutzen wurde im Land des "fortgeschrittenen Sozialismus" Kunst geklaut? Empfänglich für ältere Sachen - bis zur Truhe und zum Stuhl im letzten Winkel der Häuser - war der allmächtige Staatliche Kunsthandel. Unter Anleitung des obersten Devisenbeschaffers Schalck-Golodkowski lieferte dieses monopolisierte Unternehmen an die in der DDR akkreditierten Händler aus dem Westen ganze Wagenladungen voller Altkunst und Antiquitäten. 

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