Schicksal mit leiser Ironie

- Neu zu entdecken ist das Werk eines expressiven Realisten, dessen Bilder zwischen 1933 und 1992 aus politischen Gründen nicht öffentlich zugänglich waren: jetzt in der um vier Säle erweiterten Parterre-Galerie des Deggendorfer Stadtmuseums.

Hans Körnig (1905-89) war 1961 nach dem Mauerbau samt Frau und Tochter von einer Holland-Reise nicht mehr zurückgekehrt in seine Dresdener Heimat. Das gesamte künstlerische Werk des "Republikflüchtlings" wurde 1961 in Dresden beschlagnahmt und eingelagert. Im Westen konnten seit 1961 stets nur die Aquatinta-Radierungen gezeigt werden. Etwa zwei Drittel dieser schließlich weit über 1000 Blätter entstanden in Niederwinkling bei Deggendorf, seinem neuen Zuhause. Als das Augenlicht nachließ, wählte der 84-jährige Hans Körnig am 14. Oktober 1989 den Freitod. Das offizielle Angebot einer Rückkehr in die "angestammte Heimat" erreichte ihn nicht mehr. Den Mauerfall drei Wochen später und die Einheit Deutschlands hat der Künstler nicht mehr erleben dürfen.

Als Teile des künstlerischen Nachlasses zum ersten Mal 1992 im Dresdener Stadtmuseum gezeigt wurden, war das mehr als eine Wiederentdeckung. In seinem unzerstört gebliebenen Quartier an der Dresdener Stadtmauer hatte er lediglich 1954 und 1955 seine legendären "Dachboden-Ausstellungen" zeigen können.

Von den Erbinnen - mit zwei Töchtern aus der ersten Ehe der Frau - wurde der gesamte künstlerische Nachlass Körnigs an einen Dresdener Unternehmer verkauft, der jetzt auch das Deggendorfer Vorhaben finanzierte. Anke Rödel, eine junge Kunsthistorikerin, arbeitet am Werkverzeichnis.

Die in Deggendorf gezeigte Auswahl greift zunächst zurück auf den Kolorismus des Frühwerks. An der Dresdener Akademie hatten - in der Nachfolge Kokoschkas - Ferdinand Dorsch und Max Feldbauer eine Fortführung des Impressionismus vermittelt. Bei Körnig steigerte sich diese von ihm während eines längeren Pariser Aufenthaltes und in der Münchner Schau "Entarteter Kunst" beobachtete Freisetzung von Ausdruckswerten der Farbe ins Flächige und Konstruktive. Während der 50er-Jahre härtete sich die Kraft seiner oft vielfigurigen und großen Formate in den Ausdruck von schicksalhafter Bedrängnis und Isolation.

Die fünf Personen des Familienbildes "Der erste Schultag" verharren in einer Straße von Körnigs altem Wohnviertel 1958 wie in einem lähmenden Moment der Angst vor einer unabwendbar hereinbrechenden Katastrophe. Mit dem Bild einer Kartoffelbäuerin vor Fabrikschornsteinen ("Erde") und mit einem als Vanitas-Stillleben instrumentierten Interieur ("Abendländische Elegie") intensivierte Körnig seine allegorische Aussagekraft. Aus einem "Urteil des Paris" wird ein Stück ironischer Mythentravestie.

Selbst das große Triptychon "Nocturne - Das Bad - Pomona" (1954/55) ist bei aller Schicksalhaftigkeit durchwirkt von leiser Ironie. Fahles Licht konturiert die düsteren Figuren. Der dazumal in der DDR verordneten "Anmut des Klassenkampfes" und der frohsinnigen Aufbruchsstimmung setzte Körnig seinen Existenzialismus der Geworfenheit entgegen.

Bis 15. Januar, dienstags bis samstags 10-16 Uhr, sonntags bis 17 Uhr. Katalog 14 Euro. Tel. 0991/ 29 60-555.

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