Das Schicksal ist selbst verschuldet

- Viel Aufregung gab es um die Besetzung in Eugene O'Neills Familientragödie "Eines langen Tages Reise in die Nacht" anlässlich der Premiere bei den Salzburger Festspielen 2004. Der als Hauptdarsteller vorgesehene Helmut Griem erkrankte schwer (er verstarb im November), und Vadim Glowna sprang kurzfristig ein. Nun hat das Stück an diesem Samstag endlich seine Münchner Premiere. Und einen neuen Hauptdarsteller: Hans Peter Hallwachs. In der Inszenierung von Elmar Goerden spielt er im Residenztheater das Familienoberhaupt James Tyrone.

<P>Cornelia Froboess, Rainer Bock, Jens Harzer - alle waren sie schon in Salzburg dabei. Wie ist die Arbeit als Neuzugang in diesem eingespielten Team?<BR><BR>Hallwachs: Das ist wie eine wunderbare Familie. Und Goerden ist ein toller Mann. Er hat auf wundervolle Weise herausgearbeitet, wie man die Mechanismen des Stücks verstehen kann, und zeigt, dass das hier keine Einzelfälle, sondern Lebensströmungen sind, die immer und überall präsent sind.<BR><BR>Der alternde James Tyrone, Schauspieler, Familienvater, Tyrann: Wie nahe ist Ihnen diese Figur?<BR><BR>Hallwachs: Man liest und sucht natürlich nach Textpassagen, die einem etwas sagen, gewissermaßen deckungsgleich mit den eigenen Erfahrungen sind. Tyrones Existenz als Schauspieler ist ja keine unbedeutende Übereinstimmung. Ich nehme an, er war ein grandioser Schauspieler . . . Ich sehe in ihm einen wunderbaren Charakter. Egozentrisch einerseits, aber dann auch wieder abhängig vom Publikum, erschreckend sentimental. Eines meiner Ziele ist, seine sagenhafte Eloquenz auf die Bühne zu bringen.<BR><BR>Können Sie eigene Erfahrungen als Familienvater in diese Arbeit einbringen?<BR><BR>Hallwachs: Ich bin Vater von drei Kindern. Aber das Leben als Familienvater habe ich in dieser Form nie kennen gelernt. Mit meinem Beruf ist eine gutbürgerliche Familie schwer vereinbar, wenn man abends nicht mit gewaschenen Händen zum Abendessen erscheinen kann. Ich selber habe das Vatersein als intensive Entwicklung von Kind zu Kind erlebt. Das kommt auch immer darauf an, was man im Leben gerade will oder kann. Ich hatte kein Vorbild, kein prägendes Beispiel, denn ich bin vaterlos aufgewachsen. Mein Vater fiel im Zweiten Weltkrieg. Ich orientierte mich an Vaterfiguren aus der Literatur und aus dem persönlichen Umfeld.<BR><BR>Wie zeitgemäß erscheint Ihnen dieses Stück aus dem Jahr 1941?<BR><BR>Hallwachs: Drogen existieren seit Anbeginn der Menschheit, und die Drogenprobleme fangen heute bei der Zigarette schon an. Hinzu kommt die zwischenmenschliche Problematik des Stücks, die Schwierigkeit der Liebe, vor allem der egoistischen, alles vom anderen verlangenden Liebe. Das ist ein ganz zeitloses Problem.<BR><BR>Schuld und Verzeihen, Vorwurf und Verständnis - die Emotionen schlagen bei O'Neill im Sekundentakt um. Wie gehen Sie als Schauspieler damit um? <BR><BR>Hallwachs: Dieses Stück bedeutet eine geistig sehr anregende Arbeit. Hier kannst du dich nicht auf einem schönen Gefühl ausruhen, das du über die Rampe ausströmst. Durch den authentischen Hintergrund wurde alles so vollkommen aufgelöst niedergeschrieben. Eine Replik beginnt mit einer Haltung und endet mit dem genauen Gegenteil.<BR><BR>Die Figuren im Stück sehen sich vom Schicksal beeinflusst. Glauben Sie an Schicksalhaftigkeit?<BR><BR>Hallwachs: Das so genannte Schicksal ist auch selbst verschuldet. Kriege zum Beispiel sind kein Schicksal, sondern die Folge von Versagen auf allen beteiligten Seiten. Bei den Tyrones ist das Schicksal so eine festgefahrene bürgerliche Sache. Auf der einen Seite die Gutbürgerlichkeit mit ihren Erfüllungszwängen, auf der anderen Seite das Bohème-Leben der Söhne. Ich persönlich empfinde das Schicksal nicht als etwas, was mir drohend gegenüber steht. Die Dinge werden sich entwickeln, und ich werde entscheidenden Anteil daran haben.<BR><BR>Sind Sie Optimist?<BR><BR>Hallwachs: Auf jeden Fall kein Pessimist. <BR><BR>Vielleicht Realist?<BR><BR>Hallwachs: Was ist schon Realität? Da gibt es nichts Festes. Man kann sich nicht an einen Augenblick von vor fünf Jahren hängen, dann verpasst man ja den jetzt und hier. Schauspielerei hat ja auch viel mit dem Augenblick zu tun, auch wenn das erst einmal nach Allgemeinplatz klingt.<BR><BR>Sie standen immer wieder in München auf der Bühne, zuletzt als Mephisto in Dieter Dorns "Faust"-Inszenierung. Was treibt Sie zurück nach München?<BR><BR>Hallwachs: Es gibt hier ein ganz wunderbares Publikum. Hierher habe ich immer eine gewisse Sehnsucht, aber gerade deshalb möchte ich es nicht zur Alltäglichkeit verkommen lassen. Ich weiß nicht, warum es mich nach Berlin verschlagen hat. Das war wohl Schicksal.</P><P>Das Gespräch führte Petra Schönhöfer</P>

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