Schicksal der Wagner-Göttinnen

- Auf die Frage, welche Opernpartie zu ihr am besten gepasst habe, verwies Ingrid Bjoner in einem Interview mit dieser Zeitung lachend auf Wagners "Lohengrin": "Die Ortrud natürlich, das ist ein richtig böses Weib. Die Rolle war toll zu spielen nach all diesen Elsas. Vor allem deshalb, weil ich als Ortrud nicht mehr mit Astrid Varnay auf der Bühne stehen musste. Die hatte in der Partie an einem Abend mehr Ausdruck als ich in meinem ganzen Leben."

So die eine Wagner-Heroine über die andere. Welch ein Luxus, sie zeitgleich auf den Bühnen der Welt, darunter vor allem der Bühne der Bayerischen Staatsoper, zu erleben. Welch eine Trauer, nun zu erfahren, dass diese Vollblutweiber der Opern-Hochdramatik sich auch zeitgleich verabschiedet haben von der Bühne des Lebens. Ein Schicksal wie für Wagner-Göttinnen erdacht. Am Montag starb im Alter von 88 Jahren in einem Münchner Krankenhaus Astrid Varnay. Und am selben Tag endete in Oslo auch das Leben Ingrid Bjoners. Sie wurde 78 Jahre alt. Mit beider Tod ist das Kapitel des legendären Wagner-Gesangs der Nachkriegszeit endgültig zugeschlagen. Und der Verdacht beschleicht einen, dass es solche Stimmenkaliber nie wieder geben werde.

Astrid Varnay, Tochter eines ungarischen Sängerpaares, begann mit einem Paukenschlag ihre Karriere. Als blutjunge, erst 23-jährige Sängerin gab sie 1941 ihr Debüt an der Metropolitan Opera in New York: Lotte Lehmann, die Weltberühmte, war erkrankt, für sie sprang Astrid Varnay als Sieglinde in Wagners "Walküre" ein. Ein Star war geboren. Varnay, die 1943 die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm, gab ihr erstes europäisches Gastspiel in London. Dort sah sie Wieland Wagner. Er verpflichtete die Sängerin nach Bayreuth - unter der Bedingung, vorher nirgendwo anders in Europa aufzutreten. Sie sollte seine Entdeckung bleiben.

Von 1951 an war die Varnay über 17 Jahre Bayreuths Protagonistin Nummer eins. Herausragend eben nicht nur als Sopranistin, sondern ebenso faszinierend auch als Darstellerin. Wieland Wagner, befragt nach der Kargheit seiner Ausstattungen: "Wozu brauche ich einen Baum auf der Bühne, wenn ich Astrid Varnay habe."

Nach dem Tod ihres Ehemannes und Lehrers Hermann Weigert verlegte sie 1955 ihren Wohnsitz endgültig nach München. Denn hier bot ihr die Bayerische Staatsoper auf Dauer ein künstlerisches Zuhause. Dieser Bühne, auf der sie in nahezu allen Partien von Wagner und Strauß, aber auch als Verdis Lady Macbeth glänzte, blieb sie bis ins hohe Alter treu. Mit ihrer dunkel gewordenen Stimme und ihrer einmaligen Gestaltungskraft gab sie den Ammen der Opernliteratur - vom "Fliegenden Holländer" bis zum "Boris Godunow" - unvergessliches Format.

Astrid Varnay aber besaß Größe auch als Lehrerin. Sie blieb skeptisch gegenüber dem Schönheits- und Schlankheitswahn, der auch die Opernbühnen ergriffen hat: "Aussehen wie die Monroe, singen wie die Mödl" - das, wusste sie, geht in der Regel nicht zusammen. "Man muss schon eine entsprechende Figur haben, damit sich eine Stimme voll entwickeln kann."

Ingrid Bjoner, ihre zehn Jahre jüngere "Konkurrentin", hatte diese Figur. Eine hochgewachsene, stattliche Frau, ganz nordisch, deren künstlerisches Prinzip es war, "nein" sagen zu können. So hielt sich die Norwegerin von Bayreuth weitgehend zurück; denn sie fand, dass die Angebote für die großen Partien für sie zu früh kamen: "Als ich Sieglinde konnte, wollten die schon Brünnhilde."

An der Bayerischen Staatsoper ging man behutsamer mit der Sängerin um. Das Nationaltheater, bei dessen Wiedereröffnung 1963 sie die Kaiserin in der "Frau ohne Schatten" sang, wurde neben der Wiener Staatsoper und der New Yorker Met eines ihrer Stammhäuser. Richard Strauss' Frauen von Daphne bis Elektra, Wagners Heldinnen von Elsa, Brünnhilde bis Isolde - sie waren die Domäne dieser emanzipierten Künstlerin.

Der letzte Vorhang für zwei außerordentliche Frauen. Ihr gleichzeitiger Tod hat uns die Entscheidung, wer von beiden die größere ist, abgenommen. Und uns in die Gewissheit entlassen: Ohne Astrid Varnay, ohne Ingrid Bjoner, diese klugen und so humorvollen Diven, ist die Oper ein bisschen dümmer geworden.

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