Schicksalsraum Geschichte

- Er hatte das große Los gezogen. Einmal in seinem Leben hatte er etwas gewonnen, in der Blindenlotterie - und zwar gleich den Haupttreffer, einen sechssitzigen Opel. Aber damals war er noch ein Kind, erst sieben Jahre alt. Im Matrosenanzug wurde er in das Luxusgefährt gesetzt, fotografiert, dann verkaufte man das Auto - für 4900 Mark. Das war 1929 sehr viel Geld. So trug der kleine Heinz Friedrich maßgeblich dazu bei, die Familienkasse zu konsolidieren und damit den drohenden Verlust des elterlichen Anwesens in Roßdorf bei Darmstadt abzuwenden.

Der große Heinz Friedrich, als Verleger, Autor und Akademiepräsident eine unbestrittene Persönlichkeit im deutschen, in den letzten Jahrzehnten speziell im Münchner Geistes- und Kulturleben, ist 2004 im Alter von 82 Jahren gestorben. Jetzt ist im Deutschen Taschenbuch Verlag (dtv) seine von ihm nicht mehr vollendete Autobiografie erschienen: "Erlernter Beruf: Keiner".

Ein Buch von Belang; denn in seiner Lebensrückschau fasste Friedrich in der ihm eigenen, umsichtigen Art noch einmal "sein" 20. Jahrhundert zusammen. Dabei spielen die wesentlichste Rolle: die kulturelle Wissbegier des hessischen Jünglings; die furchtbaren und prägenden Erfahrungen von Krieg und Gefangenschaft des jungen Soldaten; der hoffnungsfrohe Neuanfang aus dem Nichts der Nachkriegszeit des erwachsenen Mannes, dem keine Zeit blieb zu Studium und Ausbildung. Seine Lehre war das Leben. Und gerade was die Zeit nach 1945 betrifft - Friedrichs Begegnung mit den Autoren der Gruppe 47, seine Rundfunkarbeit oder die Tätigkeit als Chef des Deutschen Taschenbuch Verlages sowie als Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste - machen noch einmal die kulturpolitische Präsenz und Wirkung dieses immer bescheiden gebliebenen, humorvollen Mannes deutlich.

"Ich galt als begabt."

Heinz Friedrich

Dabei hätte der Erfolgreiche durchaus Grund zum Auftrumpfen gehabt. Aber es waren wohl seine Leidenschaft und seine Liebe zu Kunst und Kultur, zu Büchern und Bühnen, die ihn demütig sein ließen vor den Menschen. Und es war das Erlebnis des Kriegs.

Als Jahrgang '22 gehörte Heinz Friedrich zu jener Generation, die gleich nach dem Abitur eingezogen wurde. In seinen Erinnerungen scheute er sich nicht davor, noch einmal in den Abgrund allen Menschentums zu steigen und, indem er davon erzählte, die Zumutungen des Kriegs quasi erneut zu durchleben. Um sie fassbar zu machen für die Generationen der Enkel und Urenkel. Allein schon für diesen Teil lohnt es sich, das Buch zu lesen. Eine besondere Bedeutung kommt dabei der Stadt Königsberg zu. Das erste Mal war Heinz Friedrich dort Ende 1940 stationiert, "eine Stadt wie in Friedenszeiten". Und mitten im Krieg genoss er die einst so schöne Metropole am Pregel, die Universität, die Buchhandlung Graefe und Unzer und ihre bibliotheksartigen Antiquariatsräume.

Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion war für Heinz Friedrich, war für Ostpreußen die trügerische Ruhe vorbei. Jetzt ging es um Leben und Tod. Das zweite Mal gelangte der Soldat Friedrich in die Stadt Immanuel Kants 1945 - zum letzten Akt der großen Tragödie. "Der Untergang Ostpreußens wurde mir zum Lebenstrauma", schrieb er. Und seine Aufzeichnungen haben hier etwas von jener höllischen Bedrohlichkeit, die das Königsberger Inferno darstellte, das der damals 23-Jährige mit ansehen und an sich selbst erfahren musste.

"Ohne dieses Pathos wäre ich zugrunde gegangen."

Heinz Friedrich

Heinz Friedrich, der in seiner Autobiografie vom "Schicksalsraum der Geschichte" spricht, "in den man hineingeboren wurde", hat, was sein Leben betrifft, dieses Schicksal wissend angenommen - und gestalterisch das Allerbeste daraus gemacht. Dabei stand ihm seit seiner Gymnasiasten-Theaterspiel-Zeit seine spätere Frau Maria zur Seite. Zum zweiten Mal in seinem Leben: das große Los. Auch das ist eine der vielen besonderen Geschichten des Buchs "Erlernter Beruf: Keiner".

Heinz Friedrich: "Erlernter Beruf: Keiner. Erinnerungen an das 20. Jahrhundert". Hrsg. Björn Göppl. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 464 Seiten; 16 Euro.

Am kommenden Montag, 13. Februar, 19 Uhr, wird das Buch in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste vorgestellt.

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