Wir schielen nicht nach Glamour

- Seine Intendanz bescherte der Stuttgarter Staatsoper eine goldene Ära. Das Haus steht wie kaum ein anderes für aufregendes, neugieriges, modernes Musiktheater - und das mit erstaunlicher Konstanz. Nach 15 Jahren verlässt Klaus Zehelein Stuttgart, um im Herbst als Präsident der Bayerischen Theaterakademie August Everding nach München zu wechseln. Zehelein, Jahrgang 1940, stammt aus Frankfurt/ Main, prägte auch das dortige Opernhaus als Chefdramaturg und Operndirektor.

Wo wollen Sie die Akademie in fünf Jahren haben?

Klaus Zehelein: Sie soll eine der besten Ausbildungsstätten für ihre Bereiche sein. Ich werde ja der erste Präsident sein, der gleichzeitig einen Studiengang leitet, nämlich die Diplom-Ausbildung Dramaturgie. Ich bin froh, dass wir uns hier mit der Universität, insbesondere mit dem Institut für Theaterwissenschaft schnell einigen konnten, vom Numerus clausus wegzugehen und Eignungsprüfungen einzuführen.

Und mit der Musikhochschule gibt es kein Kompetenzgerangel mehr?

Zehelein: Unter dem Akademiepräsidenten Christoph Albrecht wurde hier eine sehr gute Vorleistung erbracht. Es ist erstaunlich, was sich in drei Jahren geändert hat. Ich bin mit der Musikhochschule in engem Kontakt. Ich hatte zum Beispiel ein sehr gutes Gespräch mit den Gesangsprofessoren. Es hat sich gezeigt: Wenn man ums Gemeinsame wirbt und betont, dass es nicht um Eigendynamiken geht, sondern um Dynamiken für die Studenten, dann kann es zu einer anderen Praxis als bisher kommen.

Mit welchem Ziel?

Zehelein: Ich möchte eine viel vernetztere Arbeit haben, die nicht Ansprüche oder Besitztümer ortet. Wir müssen uns darüber im Klaren werden: Zu was bilden wir denn aus? Wir bilden doch nicht für Institute aus. Oder für Opernhäuser oder Sprechtheater. Ich wehre mich gegen so etwas. Genauso wie ich einem Komponisten nie sagen würde: Jetzt zeig' ich dir mal, was ein Opernhaus ist, und dafür komponierst du. Dann wären viele Verdis nie entstanden. Wir bilden für die Kunst aus. Das wird häufig verwechselt. Berufliche Ausbildung bindet mich an die Substanz, nicht an eine Verinstitutionalisierung.

Welche Signale haben Sie vom Freistaat, dass Sie frei handeln können?

Zehelein: Die besten. Ich möchte auch einen neuen Aufbaustudiengang für Musiktheater-Pädagogik etablieren. Da stellt sich natürlich die Frage der Finanzierung. Aber mit so etwas habe ich gelernt umzugehen. Private Sponsoren sind durchaus denkbar. Ich habe auch deswegen das Akademie-Projekt "Theater und Schule" nicht verlängert. Natürlich sollen die Teilnehmer des neuen Aufbaustudiengangs mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, auch auf der Ebene der Stadtteilkultur. Aber eigentlich ist so eine direkte Geschichte in der Akademie nicht gut angesiedelt. Wir sollten uns weniger darum kümmern, dass etwas vermittelt wird, sondern eher die Frage untersuchen, wie es am besten geschehen kann.

Sie wollen pro Jahr eine szenische Opernproduktion mit dem Münchner Rundfunkorchester herausbringen. Beim ersten Projekt mit drei Einaktern von Hans Werner Henze führt sogar Christof Nel Regie. Wird es nun häufiger solche öffentlichkeitswirksamen Aufführungen geben?

Zehelein: Nein. Wenn etwas nach außen wirkt, ist es ja gut. Aber erst einmal muss es nach innen wirken. Wir schielen nicht nach Schein-Glamour. Weshalb ich mit dem Rundfunkorchester zusammenarbeite: Die jungen Sängerinnen und Sänger sollen vom bestmöglichen Umfeld getragen werden. Auch als Ansporn. Es gibt nichts Schlimmeres als Veranstaltungen, bei denen es heißt: Ach, das ist ja alles nicht so ernst zu nehmen. Ich habe überhaupt nichts dagegen, eine Arbeit mit dem Hochschul-Orchester zu machen. Aber ich finde es in den ersten Jahren sinnvoller, Opernprojekte mit professionellen Orchestern zu verfolgen.

Ähnliches gilt also auch im Falle der Regisseure.

Zehelein: Wobei Christof Nel hier nicht arbeiten wird, als ob er von der Staatsoper Stuttgart engagiert worden wäre. Er muss den Nachwuchssängern ja auch Basis-Erfahrungen vermitteln. Und all das kann nur auf einer sehr stabilen Ebene passieren, Klangkörper und Dirigent eingeschlossen.

Und wenn mancher ein Neben-Opernhaus wittert?

Zehelein: Ach was. Wenn ich gewollt hätte, dann hätte ich ein großes ausländisches Haus übernehmen können. Ich hätte auch in Stuttgart bleiben können. Aber 15 Jahre reichen. In meinem Alter habe ich so viel Theatererfahrung angesammelt, da wollte ich einfach etwas Neues mit mir anstellen: mein Verständnis von Theater an andere weitergeben. Ich will nicht so tun, als sei ich ein Verantwortungsjockel. Ich halte es nur für wichtig, meinem Leben noch einmal eine andere Wendung zu geben. Deswegen sehe ich den Abschied von Stuttgart nicht so weinerlich. Auch wenn mich in den nächsten Monaten sicher hie und da Traurigkeit überfallen wird.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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