Zur Premiere

Ein Schiff wird kommen

München - Ein Besuch bei den Proben zur Familienproduktion „Die Irrfahrten des Odysseus“ des Münchner Residenztheaters.

„He – oh – he!“ Gesang und im Takt dazu Trommelgeräusche dringen durch die geschlossene Tür. Dahinter, in dem hohen, langgezogenen Raum, fährt das Schiff des Odysseus und seiner Gefährten über das stürmische Meer Richtung Heimat: Ithaka. Besser gesagt, das provisorische Schiffsmodell wird auf kleinen Rädern von mehreren Helfern über den dunklen Boden gezogen. Darauf die Schauspieler, noch ohne Kostüme. Nur Odysseus, gespielt von Simon Werdelis, trägt einen goldenen Brustpanzer zu T-Shirt und Jeans. Hier, auf der Probenbühne des Münchner Residenztheaters an der Emma-Ihrer-Straße, wird an diesem Nachmittag an den „Irrfahrten des Odysseus“, einer Produktion für die ganze Familie, gearbeitet. Die Inszenierung von Corinna von Rad nach Homers Epos „Die Odyssee“ feiert am 18. Oktober Premiere im Jungen Resi.

Wer sich am Rand des Raumes entlang drückt, vorbei an einem mit schwarzem Vorhang halb verhängten Klavier und zwei alten Fahrrädern, kann von einer Ecke aus beobachten, wie sich im „Wasser“ eine junge, blonde Frau in einem silbrig-glänzenden Kleid räkelt. Es ist eine Najade, eine Wassernymphe. Plötzlich schrecken Beobachter wie Schauspieler durch eine dröhnende Stimme auf: Der Meeresgott Poseidon wurde in seinem Schlaf gestört. Die Schimpfwörter, die der nun auftretende Götz Argus für Odysseus und seine Gefährten übrig hat, werden wohl am Ende der „Zensur“ zum Opfer fallen. „Danke“, beendet Corinna von Rad, sehr groß gewachsen, die blonden Haare kurzgeschnitten, mit großer Brille, die Szene.

Die Regisseurin steht von dem langen Tisch voller Unterlagen, PCs, Tassen und Wasserflaschen an der hinteren Seite des Raumes auf. Das Skript in der Hand, steigt sie auf die Leiter, über die man auf das Schiff gelangt. Gemeinsam mit den Schauspielern diskutiert sie die Szene, ruhig, sehr höflich. Es ist ihre erste Arbeit am Residenztheater, aber sie hat Erfahrung mit Inszenierungen für Kinder. „Man muss mit noch mehr Fantasie und in noch klareren Bildern erzählen“, sagt sie begeistert. „Und noch mehr Lust darauf haben, neue Figuren zu inszenieren.“ In dem Stück nimmt der Erzähler Niemand, gespielt von Paul Wolff-Plottegg, die Zuschauer quasi an die Hand und führt sie durch die Geschichte. Vorwissen brauche es nicht, sagt Corinna von Rad.

Für die Inszenierung hat man auf die Gesänge neun bis zwölf der insgesamt 24 zurückgegriffen, aus denen Homers „Odyssee“ besteht. Darin erzählt Odysseus von seinen Irrfahrten. Es seien dann diejenigen Insel-Episoden ausgewählt worden, aus denen sich am besten ein Erzählstrang knüpfen hat lassen, erklärt die Regisseurin. Darunter etwa die Geschichte von den Lotophagen, den Lotosessern: Einige von Odysseus’ Gefährten kosten von dem Lotos, vergessen daraufhin ihre Vergangenheit und müssen mit Gewalt auf das Schiff zurückgebracht werden. Auch der einäugige, menschenfressende Riese Polyphem wird auftreten, den Odysseus in dem Epos mit einem Pfahl blendet. Ganz schön brutale Szenen für eine Aufführung, die für Mädchen und Buben ab sechs Jahren geeignet sein soll. „Die Kinder sollen schon auch Angst bekommen“, meint Corinna von Rad. „Aber die Geschichte ist mit einem Augenzwinkern erzählt. Odysseus prahlt zum Beispiel damit, was er schon alles erreicht hat.“

Die Besprechungspause ist zu Ende. Das Schiff wird an seinen Ausgangspunkt zurückgerollt. Niemand – ganz in Schwarz gekleidet – lässt sich in einer Ecke nieder, einen roten, aufgeblasenen Plastiksack in den Armen. Er erzählt die Geschichte von den Winden des Aiolos. In dem Sack sind alle eingesperrt, bis auf den, der Odysseus und seine Gefährten nach Hause bringen soll. Die Trommel ertönt wieder, Odysseus stimmt an, nach und nach fallen alle anderen mit ein: „He – oh – he!“

Teresa Pancritius

Die Premiere

ist am 18. Oktober um 17 Uhr; Karten unter Telefon 089/ 21 85-19 40.

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