Schiffbruch der alten Ideale

- Robinson Crusoe strandet auf einer Insel, rettet den Eingeborenen Freitag vor Kannibalen und macht ihn zum Freund und Diener - soweit Daniel Defoes Abenteuerroman von 1719. Eine Frau trifft auf Cruso und den zungenlosen Freitag, ein Schiff rettet die drei, und die Frau will ihre Geschichte von dem Dichter Foe in London aufschreiben lassen - so die Version des südafrikanischen Nobelpreisträgers J.M. Coetzee in seinem Roman "Foe" von 1986.

Nun hat der 33-jährige flämische Regisseur und Dramatiker Pieter De Buysser eine Theaterfassung von Coetzees Roman erstellt, die an diesem Samstag im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele uraufgeführt wird. Titel der Koproduktion mit dem Theater NT Gent: "Robinson Cruso, die Frau und der Neger". Regie führt Johan Simons.

Haben Sie "Robinson Crusoe" als Kind entdeckt?

Pieter De Buysser: Ja, ich mochte exotische Bücher mit romantischen Helden, die in ihren eigenen Paradiesen leben. Als ich aber Defoes Roman las, entdeckte ich eine ganz andere Welt, die mit diesen Paradiesen gar nichts zu tun hatte. Es ist eine Art Buch Genesis: Crusoe versucht, die wilde Natur und den Schwarzen zu beherrschen, Gegenstände nützlich zu machen.

Was bedeuten Coetzees Veränderungen des Stoffs?

De Buysser: Er lässt alte Ideale Schiffbruch erleiden, zeigt, welche Gewalt mit dem utopischen Ziel verbunden ist, die Welt besser machen zu wollen. Er wirft den ideologischen Anspruch eigener Überlegenheit über den Haufen. Coetzees Roman scheint traurig und düster zu sein, aber er zeigt auch ohne Zynismus einen gewaltigen, optimistischen Neuanfang und reflektiert die Aufklärung: Wir sind die Sklaven der Art und Weise, wie wir die Welt erobern und beherrschen wollen.

Woher die Idee, daraus ein Stück zu machen, und wie sind Sie vorgegangen?

De Buysser: Ich hatte mich mit Coetzee intensiv beschäftigt. Johan Simons, mit dem ich schon zwei Projekte gemacht habe, und die Dramaturgen Koen Tachelet und Marion Tiedtke erteilten mir den Auftrag. Zunächst zerfiel diese wunderbare Romankonstruktion in ihre Einzelteile, und wir mussten bei null beginnen. Einerseits ist ein ganz klassisches Stück entstanden, das von den Geheimnissen des Lebens, Geburt, Tod und Sehnsüchten handelt. Andererseits überschreitet es auch die Grenzen konventioneller Stücke. Wir reflektieren über die Essenz des Theaters.

Und die wäre?

De Buysser: In Berührung zu kommen mit den Gefühlen, die uns beherrschen, und sie neu zu erfinden. Theater ist ein Labor der Erfindung und Neugestaltung.

Das Gespräch führte Christine Diller

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