Schlacht auf edlem Parkett

- Ist es ein schlichter evangelischer Kirchenraum mit Orgel? Ist es ein kleiner Konzertsaal mit Chorpodium? Regisseur Christof Loy und sein Ausstatter Herbert Murauer, der den hellen Einheitsraum mit den zarten Säulen, den weißen Stühlen und dem edlen Parkett entworfen hat, lassen den Zuschauer im Ungewissen. Sie signalisieren mit dieser Ambivalenz, dass auch Georg Friedrich Händel seinen "Saul" als "oratorio or sacred drama" in der Gattungs-Schwebe hielt. Konzertantes Oratorium oder (fromme) Oper _ das ist für Loy keine Frage. Er "spielt" mit den Genres und verknüpft sie auf höchst intelligente Art.

So unterhält er das Publikum - bei der Premiere im Münchner Nationaltheater - famos. Untrüglicher Beweis: der begeisterte Jubel nach knapp vier Stunden. In denen die Musik nie szenisch übertrumpft wird, sondern - von Ivor Bolton geschürt - stets Motor bleibt: für Lobpreis und Trauer, Liebe und Freundschaft, Eifersucht, Verachtung, Zorn und Hass.

Mit der Barocktruppe des Staatsorchesters und Spezialisten an Barockharfe, Chitarronne, Viola da Gamba und Carillons gelingt es dem temperament- und lustvoll musizierenden Bolton, noch aus jedem Dacapo Funken zu schlagen. Er reißt mit, wenn Affekte hochkochen, wenn Händel mit Farbe und Form auftrumpft, seine Carillons (Glockenspiel) oder Pauken, Trompeten und Posaunen gezielt einsetzt. Mit nicht nachlassender Begeisterung formt er ein gestisches Klangbild, schmiegt die Musik den Stimmen Halt gebend an und lässt sich von einem krächzend-verrutschten Streicher-Einsatz keineswegs irritieren: Live is life.

Ivor Bolton schlägt aus jedem Dacapo Funken

Aus der Präsenz der von Bolton mit vibrierendem Leben aufgeladenen Musik schöpft Loy seine szenische Fantasie. Verblüffend, wie klar er die im englischen Original gesungene Geschichte erzählt (Übertitel fast überflüssig). Schon zu Beginn nutzt er Teile der einleitenden Sinfonia, um die Mitwirkenden in Position zu bringen: die in weiße Barockgewänder gekleidete Chor-Gesellschaft auf dem Podium, davor die Protagonisten in Anzug und Abendkleid, wobei die Missstimmungen in der Königsfamilie und unter den Höflingen bereits mitschwingen.

Mit ungezählten ironisch-leisen Aperç¸us, die nie als plumpe Gags daherpoltern, erhellt und erheitert der Regisseur die Szene: wenn Volk und Lakaien, die musikkonform erstarrenden Royals bestaunen und abstauben wie in Madame Tussauds Kabinett oder wenn der siegreiche David zum Auftritt nicht den abgeschlagenen Feindeskopf hereinträgt, sondern den Bärenreiter-Klavierauszug . . .

Loys Witz hat tiefere Bedeutung und amüsiert auf höherem Niveau. Dieser Umgang bekommt dem auf dem ersten und zweiten Buch Samuel des Alten Testaments basierenden Werk bestens, das zu Händels Zeiten, trotz szenischer Anweisungen, nur konzertant im Theater aufgeführt wurde. Denn damit öffnet der Regisseur den Zuschauern den Blick für die Vielschichtigkeit des Stoffs.

Schon 1738 ging es Händel und seinem Librettisten Charles Jennens nicht nur um Saul, Jonathan und David, sondern auch um den britischen König Georg II. und seinen Sohn Frederick. Loy schreibt die Assoziationen unverkrampft fort bis ins Heute. Beim Neumondsfest tragen die von Murauer nunmehr schwarz gewandeten Chorherren Judenkäppi und Gebetsschal, und bei der Totenklage des Volkes Israel um seinen König erinnern die angstvoll Trost Suchenden im 30er-Jahre-Look an die Juden auf dem Weg ins KZ.

Jäh reißt Loy nach Trauermarsch und kaum enden wollendem Lamento, passend zum martialischen Schlusschor "Gürt um dein Schwert", das Ruder noch einmal herum: Das Volk schlüpft aus Trauerkleidern, präsentiert sich in kreischend bunten Shorties, Buschhemden und Baseballkappen. Bewaffnet mit Transparenten und Foto-Porträts putscht es sich auf und treibt den neuen König David in eine neue Schlacht. Ein böse-aktuelles Bild - TV-Nachrichten von gestern oder morgen?

Dass der Regisseur sein Handwerk perfekt beherrscht, beweist zunächst der Chor, der als Kollektiv - dabei dennoch individuell charakterisiert - seinen führenden Platz einnimmt. Von Udo Mehrpohl einstudiert, bewegt er sich auf ungewohntem Barock-Terrain überraschend stilsicher. Voll Dank reicht er den enthusiastischen Applaus an den scheidenden Chef weiter. Last but not least gebührt den Solisten höchste Bewunderung ob ihres stilistisch einwandfreien, sensibel phrasierten und dynamisierten, klangfeinen Gesangs. Von Loy bis in die kleinste Nebenrolle exakt konturiert, entwickeln die Sänger ihre Charakterbilder aus der Musik bis hin zur absolut überzeugenden homoerotischen Liebe Jonathans zu David.

Als dieser "Rattenfänger" betört David Daniels mit samtweich-sinnlichem Alt und erobert Volk, Königskinder und Publikum mit naiv-jungenhaftem Knuddel-Charme. Sein Auftritt beschleunigt den Niedergang Sauls, dem der große, schlanke Alastair Miles mit instrumental geführtem, hellem Bass zornbebendes Format verleiht. Mit makellosem Tenor schlägt John Mark Ainsley als sympathisch-emphatischer Jonathan empfindsame Töne an. Faszinierend, wie die Schwestern Merab (Rebecca Evans) und Michal (Rosemary Joshua) ihre Entwicklung darstellen und zugleich in bezaubernde Soprantöne umsetzen können.

Kevin Conners begeistert als selbstgefällig-eifernder Pastor (Hoher Priester), sogar der wegen Erkältung zum Deklamieren verurteilte Robert Tear (Hexe von Endor) fügt sich in dieses noble Umfeld. So zeigt die Staatsoper Bestform. Ausgerechnet mit einem Oratorium!

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