Schlachtplatte mit Whisky pur

- Während das Orchester in die Zielgerade dröhnt, steht Orest auf halber Treppe, gehüllt in den schweren roten Mantel der Mutter. An seiner Seite Chrysothemis, unten, am rechten Bühnenrand, die tote Elektra. Und man ahnt, dass hier etwas Neues anbricht, eine Ära, nicht minder unerbittlich und ungerecht als die Klytämnestras. Für seine Münchner "Elektra" schuf Herbert Wernicke dieses starke Schlussbild. Was er als kaum konkretisierte Bedrohung inszenierte, zerrt nun Kollege Peter Konwitschny ins Schummerlicht der Stuttgarter Staatsopernbühne.

Nach dem Doppelmord gibt's also ein zynisches Brillantfeuerwerk, begleitet von Maschinengewehrsalven. Die stöckelnden Security-Damen Klytämnestras, die putzenden Mägde, sogar Chrysothemis und Elektra, ach was: halb Stuttgart inklusive Müllmann und Postbote taumelt herein, stürzt von Kugeln getroffen zu Boden. Der Zuschauer hat das Prinzip Säuberung bald kapiert, doch Konwitschny lässt nicht locker - und der Ballermann nervt alsbald.

Psycho-Studie im Dallas-Ambiente

Hitchcock selig hatte es doch vorgemacht: Zum Super-Grusel braucht es keine Schlachtplatte, die Andeutung ist oft wirkungsvoller. Von dieser Warte her gesehen ist also Peter Konwitschnys Stuttgarter Richard-Strauss-Streich manchmal von einer penetranten Zeichenhaftigkeit, die den Operngänger womöglich für schlichter hält, als er es eigentlich ist.

Im Februar, als diese "Elektra" erstmals am koproduzierenden Opernhaus in Kopenhagen gezeigt wurde, bedeutete das für Dänemark die Regie-Perestroika.

Jetzt, im dramaturgischen Musterhäusle Stuttgart, verblasst da manches. Der vielbeschäftigte Konwitschny (eine Woche zuvor "Così-fan-tutte" in Berlin!) ließ für die Zweitversion die Stuttgarter Spielleiterin Sandra Dorothee Windfuhr das Regie-Buch umsetzen, zu den Endproben gab sich dann der Meister die Ehre.

Wobei er auf Hemdsärmeliges leicht verzichten könnte. Ähnlich wie im Hamburger "Don Carlos", wo alle Welt bald nur noch vom Ketzertreiben im Opernfoyer redete, nicht mehr vom erstaunlich aufgedröselten Beziehungsgeflecht, hat nämlich auch die Stuttgarter "Elektra" andere Stärken. Zum Beispiel das gar nicht so schroffe Zusammentreffen der Titelheldin mit Mama Klytämnestra, als sich offenbart, dass da bei Whisky pur zwei Wesensverwandte plaudern.

Oder die Auseinandersetzung zwischen Elektra und Chrysothemis, die vom Regisseur mit großer, inzestuöser Intensität gezeigt wird. Oder gleich der schockierende Beginn, als Agamemnon mit seinen Kindern in der Wanne planscht, bevor das Beil zum Gekreisch der Kleinen und während des ersten Orchesteraufschreis auf ihn niedergeht und eine Digital-Uhr im Hintergrund schicksalhaft die Zeit vermeldet: noch eine Stunde, 16 Minuten bis zum Rachemord an Klytämnestra.

An dem ist ein zaudernder Orest beteiligt, der zur Marionette anderer Männer geworden ist, die den Familienzwist für eigene Zwecke missbrauchen. Als Geschichte einer frühkindlichen Traumatisierung erzählt Konwitschny also diese "Elektra", als eine Psycho- und Machtstudie im großbürgerlichen, verspiegelten Dallas-Denver-Ambiente (Ausstattung: Hans-Joachim Schlieker).

Agamemnon bleibt, wie sein Orchestermotiv, ständig anwesend, entsteigt der Wanne, mischt sich unerkannt ins Geschehen. Schlüssig in der Grundaussage ist das, intensiv in den Zweiermomenten, aber oft plakativ-simpel in der Ausführung: Elektra als maskuline Dralle in Jeans, Chrysothemis im adretten Kleid, dazu Wolkenvideos, die je nach Stimmung Weißblaues oder gewittrig Düsteres zeigen - noch Fragen? Dazu passt, dass Dirigent Lothar Zagrosek Expressivität mit Äußerlichkeit verwechselt und im Theater bald Knalltrauma-Alarm ausgelöst wird. Das Orchester musiziert mit harschen, trockenen Gesten, überdeutlich und raubeinig: Davon, dass Richard Strauss ins schwitzende Antikendrama auch süffigen "Rosenkavalier"-Charme einfließen ließ, bekommt man kaum etwas mit.

Zu kämpfen hat mit der Lautstärke unglücklicherweise René´e Morloc: kein Muttermonster, sondern eine gutaussehende, dezent sarkastische, trotz gelegentlicher Drastik wohllautende Klytämnestra der anderen Art. Matthew Best erscheint als gutturaler, wolkig klingender Orest fehlbesetzt, Susan Bullock in der Titelpartie gibt Rätsel auf. Das Durchhaltevermögen und die vokale Attacke hat sie. Doch fehlt der oft klirrenden Stimme die Körperhaftigkeit, auch die Verankerung in der Mittellage, die echte Hochdramatische letztlich auszeichnet.

Die Siegerin des Abends ist daher ein Stuttgarter Eigengewächs: Eva-Maria Westbroek hat sich zu einer außerordentlichen Sängerdarstellerin entwickelt, gibt die Chrysothemis mit blühender Emphase und berührender Gestaltungskraft, heimst dafür die größte Ovation ein. Konwitschny erhielt, anders als im hingerissenen Kopenhagen, viele Buhs, nach verebbtem Applaus gellte gar noch "Schwachsinn!" aus dem Rang. Ob "Kunstpause für einen Ausgebuchten!" nicht angemessener gewesen wäre?

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