Die Schlafwandler

- Das Bild ist schwarz. Man hört die Geräusche einer Großstadt. Dann sieht man eine junge Frau, von hinten. Eine Ansage ertönt: "Welcome to Tokyo International Airport." Das Bild blendet über zu einem Mann, der im Taxi durch die glitzernde Kulisse der Metropole fährt. Er staunt. Und wir mit ihm.

<P>Charlottes (Scarlett Johannson) Ehe ist nach zwei Jahren schon in Routine erstarrt. Ihr Mann ist ein Workaholic. Seine Frau beginnt zu begreifen, dass sie nichts miteinander verbindet, und verbringt die Zeit gelangweilt im Hotel. Dort, mitten in Tokio, trifft sie auf Bob, den Mann vom Anfang. Der ist ein Filmstar, hergekommen, um Werbung zu machen. Zunächst hat der Film seine beiden Figuren einzeln im Wechselspiel durch ihren Tag in fremder Umgebung begleitet; und schon hier hat man einige der schönsten, klügsten und witzigsten Szenen gesehen, die das Kino zurzeit zu bieten hat.</P><P>Komiker Bill Murray glänzt als desillusionierter trauriger Clown, der sich selbst abhanden kommt. Indem die Regisseurin ihn mit der wesentlich jüngeren Charlotte zusammenführt, nimmt einmal mehr die nur scheinbar abgegriffene Geschichte vom alten Mann und dem Mädchen ihren Anfang. Sofia Coppola erzählt sie ganz neu und frisch, keusch und atemberaubend edel. Mit diesem Meisterwerk wird sie zu einer der ganz Großen des Gegenwartskinos. Das Thema ist die Einsamkeit inmitten des modernen Lebens. Der Versuch, Gleichgültigkeit und Entfremdung der menschlichen Verhältnisse zu überwinden. Wie Schlafwandler verbringen Charlotte und Bob, gequält von Jet Lag und Isolation, ihre Nächte in der Hotelbar, verlieren und verlieben sich. </P><P>Japans Duschen</P><P>Tokio wird ihnen zum seltsamen Wunderland. Nachts streifen sie durch eine neonstrahlende Stadt, durch lärmende Spielhöllen und Karaokebars. Die Welt oder sich selbst entdecken sie dabei nicht neu, sie haben einfach einen unvergesslichen Abend. Gerade in der Vagheit und Zögerlichkeit ihres Verhältnisses stecken ganz exemplarische, authentische Gefühle. "Lost in Translation" ist ein Kammerspiel über die Nuancen der Empfindungen. Zugleich ist er in aller Tiefe auch eine sehr gelungene, hochamüsante Satire auf unser Verhältnis zu Japan. Zahllos sind die Witze, die über zu kleine Duschen, sonderbare Werbung und grelle TV-Shows aus der Sicht des westlichen Besuchers gemacht werden, doch immer liebevoll, nie verächtlich. </P><P>Klug und sensibel erfasst Coppola die Schönheit Japans in seiner Spannung zwischen Tradition und radikaler Moderne. Die Bilder in die Coppola diese Erfahrungen stilsicher bettet, sind hell, pastellfarben, verträumt, dabei tief emotional. Wie die Figuren driftet auch die Kamera durch die Nacht, unterstützt von präzis gewählter Elektropop-Musik, die alles in Trance zu tauchen scheint. Schlafwandelnde Bilder. Vielleicht ist dies schon der beste Film des Kinojahres 2004. "Lost in Translation" ist zart und versponnen, reserviert und scheu. Komödie und Tragödie treffen sich. Alles ist möglich in der zärtlichen Geschichte dieser beiden Gestrandeten, bis zum Ende. (In München: Mathäser, Münchner Freiheit, City, Atlantis und Cinema i. O.)</P><P>"Lost in Translation"<BR>mit Bill Murray, Scarlett Johansson<BR>Regie: Sofia Coppola<BR>Hervorragend </P><P> </P>

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