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Schlag nach bei Shakespeare

- Freie Berufsausübung? Oder sogar Wahlrecht? Totale Zukunftsmusik war das im 16. Jahrhundert, als weibliche Selbstverwirklichung allenfalls im Haus/ am Herd stattfand - was heute gerade noch Ms. "Eva-Prinzip" Herman gutheißen dürfte. Doch es rumorte, zunächst wie immer in der Kunst, wo Shakespeare in den "Lustigen Weiber von Windsor" eine handfeste Emanzipationsgeschichte aufrollte.

Genau hier setzt Regisseurin Julia Riegel an, die bei Otto Nicolais Veroperung Biedermeier- Verdacht gar nicht erst aufkommen lassen will. Vielmehr interessiert sie sich für jene Revolution, als seinerzeit Desdemona erstmals nicht von einem Mannsbild mit Röckchen, sondern tatsächlich von einer Frau gegeben werden durfte.

Das Nachschlagen bei Shakespeare liegt nahe -und beschert dieser Gärtnerplatz- Premiere viele aufgekratzte, hintergründige Momente. Gewiss mag der Einfall des "Theaters auf dem Theater" gut abgehangen sein, hier freilich entfaltet er durchaus Logik. "Heute mit: echten Weibern!" prangt es auf einem Transparent, bevor sich Frau Fluth und Frau Reich samt Tochter Anna kampfeslustig in die Arena des Globe- Theaters abseilen. Den Männern, eine armselige Palette vom gespreizten Gockel (Herr Fluth) über den Rosaroten mit Colliergriff (Spärlich) bis zum schweißigen Ekelpaket (Falstaff), so signalisiert der Angriff, geht’s ab jetzt schlecht.

Ein beachtlicher erster Akt, obwohl er eine Überdosis Shakespeare abbekommen hat: Nicht nur, dass Julia Riegel in den Dialogen auf die Dramen des Meisters zurückgreift. Gleichzeitig dürfen auch die "Zuschauer" von den Rängen immer wieder Sätzchen einwerfen, die sich jedoch bald zum penetranten Zitatenraten ausweiten.

Dabei sind die szenischen Anspielungen von Julia Riegel und ihrer fantasievollen Bühnenbildnerin Caroline Neven Du Mont viel wirkungsvoller: die "Sommernachtstraum"- Stimmung inklusive Ulrich Mittelbach als gnomenhafter, stummer Puck, Fluths Taschentuch ("Othello"!), auch Fentons und Annas Balkonszene à la "Romeo und Julia". "Heute mit: echten Weibern!" lässt sich aber auch mühelos auf die Besetzung beziehen. Im Mittelpunkt: Elaine Ortiz Arandes, die als Frau Fluth die Charme- und Erotik-Offensive startet, eine Dame im heftig aufwallenden zweiten Frühling vor führt, umwerfend singt, dabei lustvoll mit Noten, Phrasen und Klangfarben jongliert.

Martina Koppelstetter punktet vor allem als bizarre Frau Reich mit explodierter Frisur, kann sich indes nicht immer gegen die dürftige Akustik durchsetzen. Thérèse Wincent wartet als Anna mit herzerwärmenden Lyrismen auf, ist aber auch -der Hang zu großen Tönen verrät’s -jederzeit bereit zum Durchstarten. Diesen dreien gilt stückgemäß die Sympathie der Regisseurin. Wobei sie die Herren vor der Knallcharge bewahrt. Jörg Simon, stimmlich kultiviert und jeglichem Poltern abhold, erregt als dicker Ritter eher Mitleid, sieht manchmal so aus, als wisse er selbst nicht genau, wie er ins Stück geraten ist.

Torsten Frisch (Fluth) und Florian Simson (Spärlich) ergänzen das mit großer Prägnanz und rollentreffender Präzision, dem markanten Pawel Czekala, als Herr Reich eigentlich eine weitere Negativfigur, könnte man fast liebgewinnen, einzig Volker Bengl lässt hören, wie unangenehm der Fenton gelagert ist. Mit zunehmender Stückdauer verwischt sich freilich Julia Riegels Konzept. Dass sie bemüht ist, Schematisches und Typenhaftes aufzubrechen, merkt man dem Abend an.

Doch wo’s schon bei Nicolai lahmt, greifen auch ihre Mittel nicht mehr. Dann verflacht alles, driftet in genau jene Konvention, die sie eigentlich vermeiden wollte. Und dass Dialogregie nicht gerade leichter wird, wenn das Personal Shakespeare sprechen muss, wird ungewollt bewiesen. Dennoch: Augenzwinkernden Humor hat Julia Riegel, Sänger kann sie sichtlich motivieren, überdies ist sie musikalisch.

Der Rückgriff auf Shakespeare steht Nicolai also gut, die pikante Vermischung der Geschlechter diesem Hause ohnehin. Und wenn im Graben auch noch Adrian Müller steht, der einem Orchester in Hochform zwischen Klangzaubereien, moussierenden Rhythmen, rasendem Furioso und nie hemdsärmeliger Dramatik alles abverlangen kann, dann darf sich das Team getrost auf die Schultern klopfen: Saisonstart gelungen.

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