Schlagobers, routiniert serviert

Salzburg - Gérard Depardieu rezitierte, und Riccardo Muti dirigierte die Wiener Philharmoniker in Salzburgs Großem Festspielhaus

Dummerweise kommt der Befehl eine gute Stunde zu spät. "Seht so oft wie möglich nach eurem Dirigenten." Glucksen im Publikum. "Und sie, meine Herren auf den obersten Rängen des Podiums, hüten sie sich vor ihrer Neigung, die Tempi zu verschleppen." Weitere Lacher, während manch Musiker- Miene schon zitronig wird.

Was wie die aktuelle Kritik zum Salzburger Festspielkonzert wirkt, ist reine Hellsichtigkeit aus dem Jahre 1832: Lélio heißt der Mann, der hier sein Innenleben nach außen Shakestülpt, im Monolog zwischen musikalischen Tipps, der fernen Geliebten, seiner unverstandenen Kunst und dem Gott Shakespeare mäandert.

Dass die Mittelpunktsfigur des gleichnamigen Werks keiner kennt, war von Berlioz nicht so geplant. Denn eigentlich sollte "Lélio oder Die Rückkehr ins Leben" stets nur mit der populären Symphonie fantastique gekoppelt werden. Quasi als Teil zwei, als kaum definierbare Melange aus Melodram und Schauspielmusik, als egomanisches Nachspiel eines ohnehin schon überbordenden Werks. Salzburg suchte sich dafür den Superstar: Gérard Depardieu rezitierte an der Rampe des Großen Festspielhauses die Berlioz-Verse auf Französisch (unterstützt durch Übertitel), dahinter, von bläulich schimmernder Gaze halb verborgen, die Wiener Philharmoniker mit Riccardo Muti, dem Mann fürs Extremrepertoire.

Doch was sich Berlioz als hitzige Entäußerung dachte, blieb bei Depardieu auf Zimmertemperatur. Gelegentlich gestattete er sich Pathos, sprach ansonsten abgeklärt, einzig die Witzeleien mit dem Orchester kündeten von den eigentlichen Stärken. Die Wiener tauchten die Musiknummern in klanglichen Schlagobers, Tenor Michael Schade, am Abend zuvor in Haydns "Armida" stark gefordert, zauberte in Goethes Fischer-Ballade Intimes, bevor Wiens Staatsopernchor die Luftgeister aus Shakespeares "Sturm" beschwor. Zur Premiere von Berlioz "Benvenuto Cellini" passte das Konzert ideal, demonstrierte es doch ein weiteres Mal die ungeheure, Grenzen sprengende Erfindungslust des Komponisten. Wie vom Meister gewollt vor der Pause die Symphonie fantastique, die sich Muti wohl kantiger, expressiver dachte.

Doch von ihrer edlen Tradition können oder wollen die Wiener nicht lassen. Wo es klanglich schmutzen müsste, beschränkte man sich auf güldene Routine, agierte gern mit der Wendigkeit eines nassen Sacks, einige Unschärfen inklusive, und ließ den Mann am Pult rudern. Lélios Rüffel hätte man schon hier gebraucht.

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