Die Schlange aus dem Paradies vertreiben

- Drei Menschen, drei Tage, drei Kulturen und eine Stadt - das ist die Konstellation. Schauplatz ist Tanger. Tanger ist Brücke und Barriere zugleich. Weggehen oder bleiben, das ist für die drei Hauptfiguren die entscheidende Frage: Sarah, die Jüdin, schwankt zwischen der Chance, nach Kanada überzusiedeln, wo sie im Haus ihres Bruders Wohlstand, aber auch neue Unfreiheit erwarten, und der Aussicht zu bleiben. Sarah liebt Serge, den französischen Lastwagenfahrer, der sporadisch auftaucht, sie ebenfalls liebt, sich aber in seiner störrisch-spröden Art nicht wirklich für oder gegen sie entscheiden kann. Und dann ist da noch der junge Marokkaner Said, Serges alter Kumpel, der auch mit Sarah befreundet ist. Er kennt Tanger in- und auswendig, hat "Beziehungen" aller Art. Und Träume: Er will alles auf eine Karte setzen, um nach Frankreich zu kommen.

<P>Mit bewundernswerter Leichtigkeit und Eleganz bringt Té´chiné´ diese Konstruktion in Bewegung, umkreist seine Figuren, intim und doch immer distanziert genug. Mit "Loin" ("Weit weg") leitet André´ Té´chiné´, zum ersten Mal auch als Drehbuchautor tätig, eine neue Phase seines Schaffens ein. Nicht weniger intensiv, aber desillusionierter als in "Meine liebste Jahreszeit" geht es um Liebe und um das, was "richtiges" Leben heißt. Zugleich umreißt diese stille Passionsgeschichte die Problematik der Globalisierung, beschreibt Betrug, Ausbeutung, Verzweiflung.</P><P>Té´chiné´ gelingt nicht allein ein Film über den Übergang als Lebensgefühl, über Schleppen, Schleusen und Schmuggeln - und Liebe in Zeiten der Migration. Ebenso ist "Loin" ein melancholisches Entfremdungsszenario der Welt, in der menschliche Beziehungen gezeichnet sind von den tiefen Gräben, die Gesetze und Kulturen zwischen ihnen ziehen.<BR>Erst im letzten Viertel des Films gestattet sich Té´chiné´ eine Utopie. Da setzt er seine Figuren auf eine Wiese. Die Frauen treten endgültig ins Zentrum, und ein Kind wird geboren. So schließt sich der Kreis von Geburt und Tod, ein Paradies, das auch noch durch einen Verweis auf Jean Renoirs "The River" gestützt wird. Dies ist kein Paradies, aus dem die Menschen wieder vertrieben werden; im Gegenteil: Sarah verjagt eine Schlange.</P><P>Mit "Loin" hat der 59-jährige Té´chiné´ einen seiner persönlichsten Filme gedreht. Kein Alterswerk, sondern ein politisch wie künstlerisch kompromissloses, vor allem aber wahrhaftiges Statement, dabei zärtlich und leicht.</P><P>(In München: Theatiner i. O.)<BR></P><P>Hervorragend!</P><P> </P>

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