Schlechter Witz einer schwachen Führung

- Drei Gremien sind es, die das Sterbeglöcklein läuten: Die Ministerpräsidenten dürften heute eine Erhöhung der Gebühren um 86 Cent beschließen (statt der von den Öffentlich-Rechtlichen gewünschten 1,09 Euro), der BR-Rundfunkrat redet am 14. Oktober darüber, und der Verwaltungsrat des Senders wird danach bestätigen: Das Münchner Rundfunkorchester wird abgewickelt.

<P>Die Rechnung, die der BR präsentiert, ist folgende: Die niedrigere Erhöhung beschert dem Haus ein zusätzliches Minus von 48 Millionen Euro. Mit einer Erhöhung um 1,09 Euro dagegen, so BR-Sprecher Rudi Küffner, wäre man an einer Auflösung des Orchesters "vorbeigeschrammt".</P><P>Falsch verstandener Kulturauftrag</P><P>Ob das gewaltige Millionen-Loch realistisch ist, sei einmal dahingestellt. Strategie ist offenbar, das Todesurteil den Ministerpräsidenten anzulasten. Da drängt sich der Verdacht auf, mit der Opferung des Ensembles will eine schwache BR-Führung - unter erheblichem Druck - ein leicht fassbares Ergebnis präsentieren. Quasi an die Adresse der Politiker gerichtet: Wir nehmen eure Spar-Forderungen ernst. Die Streichung eines Orchesters lässt sich schließlich besser "vermarkten" als mühsames Kürzen im Personal- und Ausstattungsdickicht einer Rundfunkanstalt. Gleichzeitig ist das Signal aus Bayern fatal für die gesamte Republik: Wenn die reichen Freistaatler schon einen solchen Kahlschlag veranstalten, dann sind andere Ensembles erst recht nicht mehr zu halten - wie die Fusionspläne bei den SWR-Orchestern zeigen.<BR><BR>Doch haben sich die Öffentlich-Rechtlichen, vor allem der BR, zum Teil selbst in diese Lage gebracht. Noch immer wird dort agiert wie zu Zeiten vor der Wirtschaftskrise. Abgesehen vom Verwaltungs-Wasserkopf leistet man sich einen bestens versorgten TV-Bereich, entsendet etwa zu Bundestagswahlen fast aus jedem Land Teams, obwohl kaum einer die Berichterstattung auf den dritten Programmen anschauen dürfte. Überdies werden für Sport-Übertragungen astronomische Beträge gezahlt. Und auch im Kulturbereich herrscht nicht immer angebrachte Großzügigkeit: Vergessen scheint, dass seinerzeit Lorin Maazel mit einer Millionen-Gage zum Symphonie-Orchester des BR gelockt wurde. Und dieser Vertrag hat in der Münchner Szene die Preise verdorben. An der Isar, so raunen sich die Klassikstars seither zu, ist einfach Geld zu holen.<BR><BR>Mit dem Bildungs- und Kulturauftrag haben derlei Plustereien wenig zu tun. Institutionen wie das Münchner Rundfunkorchester dagegen schon. Jugendprogramme, neue Präsentationsformen und traditionelle Reihen à` la Sonntagskonzert bescherten dem Ensemble jüngst Abonnentensteigerungen um 45 Prozent. Was Effektivität, Arbeitseinsatz, Besucherzahlen, Qualität und geleisteter Bildungsauftrag betrifft, hat sich das Orchester also nichts vorzuwerfen. Vor diesem Hintergrund die Musiker vor die Tür zu setzen, erscheint da wie ein schlechter Witz.<BR><BR>Zumal auch gar nicht klar ist, wie teuer die Auflösung kommt. Viele Mitglieder sind unkündbar, müssen also entweder abgefunden oder im Symphonie-Orchester untergebracht werden, was dieses aber ablehnt. Und von den Zahlenspielchen ganz abgesehen: Chefdirigent Marcello Viotti noch vor wenigen Tagen eine Vertragsverlängerung anzubieten, dazu das Ensemble als klingendes Beiwerk zur Eröffnung der bayerischen Landesvertretung in Brüssel einfliegen zu lassen, um kurz danach die Auflösung zu verkünden, all das ist keine plötzlich aufgetretene Notwendigkeit, sondern einfach schäbig.<BR></P>

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