Schlimme Erbschaft

- Dass auch die Kirche in großen Teilen zu den Mitläufern bei der Ermordung der europäischen Juden gehört, ist die These von Daniel Goldhagens Buch "Die katholische Kirche und der Holocaust" (Siedler Verlag, 24,90 Euro). Nun präsentierte es der Autor auf Einladung der Münchner Literaturhandlung im Literaturhaus und stellte sich der Diskussion mit dem katholischen Politikwissenschaftler Hans Maier.

 Ein spannendes Zusammentreffen: hier der junge Starautor, von den Medien geliebt, von Fachkollegen skeptisch, wohl auch etwas neidisch beäugt, mit moralischem Furor argumentierend. Ihm gegenüber der bedächtige Forscher und Politprofi, der dieses Gesamtbild des "lieben Kollegen Goldhagen" gar nicht bestreiten wollte, vielmehr die "schlimme Erbschaft" bestätigte, um sich doch gegen eine "Verzerrung" zu wenden. <BR><BR>Maier wies auf Positives hin, auf die "700-jährige Geschichte der Aufklärung und Judenintegration" im christlich dominierten Kulturraum. Warum es trotzdem zum Holocaust kam, ist Goldhagens Thema: Zuerst las er, wiederholte seine Thesen von der Verstrickung der Kirche. <BR><BR>Wieder war bemerkbar, was schon am Buch auffällt: ein polemischer Stil, der verärgert, in seinem sachlichen Gehalt aber zwingend und einleuchtend ist. Maier räumte ein: "Ich bedaure den Antijudaismus der Kirche. Hier gibt es nichts zu beschönigen." Doch müsse man diesen vom mörderischen Rassen-Antisemitismus unterscheiden. Darauf Goldhagen: "Die Kirche machte sich den rassisch geprägten Antisemitismus zu Eigen." <BR><BR>Hier lag der entscheidende Streitpunkt: Während Maier darum bat, nicht noch "Salz in die Wunden" der Kirche zu streuen, betonte Goldhagen seine "Verantwortung als Wissenschaftler". Die Fakten müssten offen gelegt werden. Am Ende überwog bei Maier die Verantwortung des Christen: "Wir müssen mit allen Formen des Antijudaismus brechen. Die Kirche sollte auch auf die Idee der Judenmission verzichten." Kein schlechtes Ergebnis für einen angenehm sachlichen Abend. <BR>

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